Leserbriefe : Kann mehr Geld gute Erziehung ersetzen?

Leserbriefe zum Gastbeitrag von Peter Ruhenstroth-Bauer, „Berlin muss sich der Kinderarmut stellen“ vom 4. Februar.

Da hat sich also der Autor Peter Ruhenstroth-Bauer (Vorsitzender des Beirates für Familienfragen) über Kinderarmut ausgelassen. Natürlich müssen wir Kinderarmut bekämpfen, aber dieser sogenannte Experte hat in seinem ganzen Text nicht ein einziges Mal die Eltern und deren Verantwortung für das Wohl der Kinder angesprochen. Alles soll der Staat lösen, der es nun mal, auch wenn er noch so bemüht ist, nicht schaffen kann. Der Staat kann nämlich Eltern nicht ersetzen, die ihre Kinder lieben und behüten. Alles wird immer nur auf’s Geld geschoben. Auch arme Eltern können sich mit ihren Kindern gesund ernähren, für Sport und Bewegung an frischer Luft sorgen und mit ihnen lesen. Kinder benötigen zunächst wenig Geld. Was sie aber dringend benötigen sind Eltern, die Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder wahrnehmen. Immer wird die Verantwortung auf andere geschoben, und erreicht wird damit das Gegenteil von dem, was gewünscht wird: die Verbesserung der Lage armer Kinder.

Peter Reimann, Berlin-Prenzlauer-Berg

Kinder kosten Geld. Sie kosten nicht nur während der Elternzeit mehr, sondern auch Kindergeld und Steuernachlass reichen nicht aus, um die Kosten, die Kinder verursachen, zu kompensieren. Jede und jeder, der Kinder haben will, muss sich darüber im Klaren sein: Der Staat kann nicht die unterschiedlichen Ansprüche der Eltern durch Subventionen kompensieren. Er kann aber durch öffentlich finanzierte Einrichtungen, wie Kitas, Schulen und Hochschulen, für mehr Chancengleichheit sorgen. Mehr Chancengleichheit bedeutet, die sozial Schwächeren zu unterstützen. Gerade deren Kinder brauchen Ansprache und professionelle Anleitung, damit die Grundlagen für den Schulerfolg rechtzeitig gelegt werden. Wenn nun Armut der Familien mit Kinderreichtum einhergeht, ist einmal die Frage zu stellen, was hier Ursache und was Wirkung ist.

Wer die Kostenbelastung durch Kinder voraussieht, ist ökonomisch gebildet. Wer dies nicht ist, lädt sich viele Kinder auf, die er auch mit staatlicher Unterstützung nicht ausreichend versorgen kann. Dazu kommt als Quelle der Kinderarmut das Scheitern der Familie, die den Alleinerziehenden die ganze Last aufbürdet, die von wenigstens zweien getragen werden sollte. Alle Kosten für den Nachwuchs dem Staat aufbürden zu wollen, ist eine absurde Denkweise. Kinder sind nicht Kostenträger, sondern könnten der Stolz der

Eltern sein.

Jürgen Kirschning, Berlin-Moabit

Es ist richtig, dass es keine Frage des Geldes ist, ob Eltern ihren Kindern die notwendige Unterstützung und Zuwendung geben können oder nicht. Dass Eltern wieder stärker für die Erziehung ihrer Kinder in die Pflicht genommen werden müssen, ist ebenfalls eine berechtigte

Forderung.

Dabei ist jedoch ein differenzierter Blick auf die Lebenswirklichkeit von benachteiligten Familien erforderlich, um beurteilen zu können, wie realistisch diese Forderungen im Einzelfall sind.

Familien, die in Armut leben, haben nicht nur aufgrund ihres geringen Einkommens kaum eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe (keine Kino-, Theater- oder Zoobesuche, um nur einiges zu nennen), sondern kämpfen oft infolge von Arbeitslosigkeit mit psychischen Problemen, gesellschaftlicher Isolation, Sucht und häuslicher Gewalt. Diese Eltern sind oft nicht in der Lage ihr eigenes Leben zu organisieren, geschweige denn, ihre Kinder angemessen zu unterstützen.

Da helfen dann keine Appelle an die Verantwortung von Eltern, sondern es stellt sich eher gesamtgesellschaftlich die Frage „Sollen Kinder einen schlechten Start ins Leben haben, weil ihre Eltern sie nicht ausreichend unterstützen wollen oder können?“ Wenn diese Frage nicht befriedigend gelöst werden kann, generiert sich die nächste Generation von sozial benachteiligten

Familien. Kinder können sich in der Regel nicht selbst aus diesem Umfeld befreien.

Wir haben an unserer Schule feststellen können, dass Schulen sehr wohl die Möglichkeit haben, einen erheblichen Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten.

Dafür müssen sich Schulen verändern, und viele sind bereits auf einem guten Weg. Es darf jedoch nicht nur vom Engagement einzelner Kollegien und Schulleitungen abhängen, ob dies geschieht. Unterstützung in Form von zusätzlichem Personal und eine bessere Ausstattung der Schulen sind dafür unbedingt erforderlich.

Es stört mich, dass die Diskussion in diesem Bereich oft im Hinblick auf ein Entweder/Oder geführt wird. Was spricht dagegen den Kindern in der Schule so viel zu bieten, dass sie auch mit einem belasteten Elternhaus einen guten Start ins Leben bekommen? Was spricht dagegen, sich auch um deren Eltern zu bemühen und sie zu unterstützen wo es geht, damit sie ihre Verantwortung als Eltern ganz oder teilweise wahrnehmen können?

— Beatrix Albrecht, Schulleiterin der

Albert-Schweitzer-Schule Hannover

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