Liberalismus : Gegen die Tyrannei des Realen

Liberalismus bedeutet Generosität, sagt Philosoph Peter Sloterdijk. Doch nie zuvor hatte das Wort eine so niederträchtige Konnotation. Liberalität ist zu wichtig, als dass man sie einer einzigen Partei überlassen darf. Ein Gastkommentar.

Peter Sloterdijk
Philipp Rösler ist designierter Vorsitzender der FDP, der Partei, die sich selbst die Liberalen nennen. Rösler will die Partei inhaltlich breiter aufstellen und "liberal" nicht nur auf Wirtschaftspolitik beziehen.
Philipp Rösler ist designierter Vorsitzender der FDP, der Partei, die sich selbst die Liberalen nennen. Rösler will die Partei...Foto: dpa

Peter Sloterdijk ist Professor für Ästhetik und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Der Text ist ein Auszug aus der 5. "Berliner Rede zur Freiheit", die er bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gehalten hat.

Angehörige westlicher Kulturen setzen sich stets, aktuell oder potenziell, mit zwei Gestalten von Unfreiheit auseinander. Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu Recht oder unrecht die äußere nennt. (Von einer dritten Front der Unfreiheit, die aus der Versklavung der Menschen durch falsche Selbstbilder folgt, braucht hier nicht die Rede zu sein.)

Die beiden primären Unterdrückungen lassen sich als Varianten von Stress-Erleben beschreiben. Politische Repression bildet ein Stress-System, das so lange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Stress-Vermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution. In technischer Sprache bedeutet eine antityrannische Revolte eine „maximale Stress-Kooperation“ (Heiner Mühlmann) seitens der Beherrschten zur Beseitigung einer unannehmbar gewordenen Belastung durch Herrschaft.

Revolutionen brechen aus, wenn Kollektive in kritischen Momenten ihre Stress-Bilanz intuitiv neu berechnen und zu dem Schluss kommen, dass das Dasein in der Haltung unterwürfiger Stress-Vermeidung letztlich teurer kommt als der Auflehnungsstress. Im äußersten Fall lautet die Rechnung: besser tot sein als länger Sklave. Wo solches Bilanzziehen populär wird, ist es mit Herrschaftsduldung und Obrigkeitsgläubigkeit vorbei, momentan oder bleibend. Aus stresstheoretischer Sicht lässt sich erklären, warum die milderen Despotien die dauerhafteren sind – sie nehmen den Untertanen das Motiv, dergleichen Rechnungen anzustellen, indem sie ihnen hinreichend angenehme Kompensationen für das Dasein im Joch der Unterordnung anbieten.

Darum konnte Kant sagen: „Eine väterliche Regierung … ist der denkbar größte Despotismus“, und er hatte insofern recht, als im System der wohlwollenden Bevormundung ein Augenblick der Emanzipation niemals vorgesehen ist. Der Ausgang aus der Unmündigkeit hat jedoch seinen spezifischen Preis. Waren Revolutionäre erfolgreich, machen sie regelmäßig die Erfahrung, dass jede Revolution die Forderung nach einer zweiten nach sich zieht, nicht so sehr, weil die Anhänger der alten Zustände die Gegenrevolution betreiben, sondern weil die bei der ersten Revolution unzufrieden Gebliebenen ihrerseits ihren Stress neu berechnen und zu dem Schluss kommen, er sei auch in der verbesserten Gesellschaftsordnung zu hoch. Ja, sie spüren ihn umso stärker, seit sie ihre Belastung am Maßstab gestiegener Erwartungen messen. Es scheint geradezu, als seien alle Entlastungseffekte in modernen Gemeinwesen dazu verurteilt, von erhöhten Sensibilisierungen aufgezehrt zu werden. Das Gesetz der zunehmenden Unzufriedenheit in Demokratien wartet noch auf seine systematische Begründung.

An der anderen Unfreiheitsfront haben es Menschen mit dem Belastungscharakter der Realität als solcher zu tun. Wie diese das Dasein niederdrückt, muss niemandem umständlich vor Augen geführt werden. Gleichwohl hat Lotario de Segni, nachmals Papst Innozenz III., in seinem Traktat „Über das Elend des menschlichen Daseins“ ein wahres Kompendium des belasteten Lebens vorgestellt.

Peter Sloterdijk
Peter SloterdijkFoto: dapd

Wenn der Psalmist des Alten Testaments sagt, selbst ein langes köstliches Leben sei „Mühe und Arbeit gewesen“, beruft er sich auf das jedem Sterblichen vertraute Gesetz der existenziellen Schwerkraft. Und wenn Heidegger von der Sorgestruktur des Daseins spricht, transponiert er die alte Volksontologie in ein zeitgenössisches und akademisches Register. Jedoch: Weder der Psalmist noch Heidegger waren willens oder imstande, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass in unserer Weltgegend ein Aufstand gegen die Tyrannei des Realen in Gang gekommen ist, ein Aufstand, den wir unter einer Reihe von mehr oder weniger abgeschliffenen Namen präsentieren: industrielle Revolution, Aufklärung, Modernisierung, Wohlfahrt, Technik, Demokratie. Wer diese Ausdrücke gebraucht, bedenkt in der Regel nicht, dass sie allesamt nur als Teile einer ontologischen Revolution Sinn ergeben. Sie benennen Aspekte der epochalen Auflehnung gegen den erdrückenden Lastcharakter der Realität von einst. (…)

In jüngerer Zeit fehlt es nicht ganz an Stimmen, die der Freiheit als Absage an die Zwangsbelastung das Wort reden, insbesondere nachdem der Einfluss der indischen und fernöstlichen Weisheitstraditionen sich im Westen verbreitet. Unter den Autoren, die das Sujet auf westlichen Grundlagen vorangebracht haben, ist nach Schopenhauer und neben dem frühen Sartre vor allem Samuel Beckett zu nennen. Man könnte dessen gesamtes Werk als einen Essay über die Geburt der Freiheit aus dem Streik gegen die Zumutung des Realen lesen.

Das gilt vor allem für das fast unbekannt gebliebene früheste Theaterstück Becketts aus dem Jahr 1948, das bezeichnenderweise den Titel „Eleutheria“ trägt, das griechische Wort für Freiheit. (…) Beckett übertrug diesen Ausdruck sorglos in die moderne Welt, indem aus dem antityrannischen Grundsatz des griechischen Polis- Lebens ein existenzialistisches Prinzip machte. In diesem Fall darf man von einem produktiven Missverständnis sprechen.

Der Held oder Antiheld seines Stücks ist ein junger Mann, ironischerweise mit dem Namen Victor, der Sieger – ein entfernter Verwandter von Melvilles Bartleby, dem Schreiber, und von Gontscharows Oblomow sowie von Xavier de Maistre, der im Jahr 1790 in 42 Tagen durch sein Zimmer gereist war. Von ihm erfahren wir aus den Gesprächen der übrigen Personen, er habe sich seit zwei Jahren in sein Zimmer zurückgezogen und jeden Verkehr mit seiner Familie und seiner Verlobten eingestellt, um von der übrigen Außenwelt zu schweigen. Victor ist ein Freiheitskämpfer der seltsamen Art, der sich um Loslösung von der Wirklichkeit als solcher bemüht. An der entscheidenden Stelle des Stücks legt er eine existenzielle Konfession ab: „Es ist schnell gesagt. Ich wollte immer frei sein. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß auch nicht, was es heißt, frei zu sein. Sie können mir alle Fingernägel ausreißen, ich könnte es Ihnen nicht sagen. Aber ganz ohne Wörter weiß ich, was es ist. Ich habe es immer ersehnt. Ich ersehne es immer noch. Ich ersehne nur das. Zuerst war ich Gefangener der anderen. Darauf habe ich mich von ihnen getrennt. Dann war ich mein eigener Gefangener. Das war noch schlimmer. Darauf habe ich mich von mir getrennt … Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.“

Als dann der Zuschauer im Stück Victor fragt: „Und einfach sterben, das gibt Ihnen nichts?“, erwidert dieser: „Wenn ich tot wäre, dann würde ich nicht erfahren, dass ich tot bin. Das ist das Einzige, was ich gegen den Tod habe. Ich will meinen Tod genießen. Das ist die Freiheit: sich tot sehen.“ Dann aber fährt er fort: „Ich verzichte darauf, frei zu sein. Man kann nicht frei sein. Ich habe mich getäuscht. Ich kann dieses Leben nicht mehr führen. Man kann sich nicht tot sehen.“

Daraufhin der Zuschauer, triumphierend: „Sie können nicht mehr so weitermachen.

Victor: „Nein, das kann ich nicht.“

Zuschauer: „Das geht über Ihre Kräfte.“

Victor: „Ja.“

Zuschauer. „Also seien Sie logisch. Es ist entweder das Leben, mit allem, was es an … an … Unterwerfung beinhaltet, oder aber … der große Aufbruch, der echte, um ein Bild zu benutzen, das Ihnen lieb ist. Nicht wahr?“

Dagegen wendet Victor etwas später ein: „Ich habe es mir anders überlegt. Ich werde nie frei sein. Aber ich werde ununterbrochen spüren, wie ich es werde … Ich werde Ihnen sagen, womit ich mein Leben zubringen werde: damit, meine Ketten aneinander zu reiben. Von morgens bis abends und von abends bis morgens. Dieses kleine unnütze Geräusch wird mein Leben sein. Ich sage nicht: meine Freude. Meine Freude lasse ich Ihnen. Meine Ruhe, meinen Limbus. Und Sie kommen mir mit Liebe, mit Vernunft, mit Tod! … Nein gehen Sie doch, gehen Sie!“

Die letzte Regieanweisung Becketts schreibt vor, dass sich Victor auf sein Bett setzt und konzentriert das Publikum, das Orchester, die Balkone rechts und links betrachtet. „Dann legt er sich hin, den mageren Rücken der Menschheit zugewandt.“

Man hat die Freiheit zumeist an Orten gesucht, wo man sie unmöglich finden kann, im Willen, im Wahlakt oder im Gehirn und hat ihre Quelle in der noblen Gesinnung, im Auftrieb, in der Großzügigkeit übergangen. In Wahrheit ist Freiheit nur ein anderes Wort für Vornehmheit, das heißt für die Gesinnung, die sich unter allen Umständen am Besseren, am Schwierigeren orientiert, eben weil sie frei genug ist für das weniger Wahrscheinliche, das weniger Vulgäre, das weniger Allzumenschliche. In diesem Sinn ist Freiheit Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche.

Ihrer wesentlichen Negativität bleibt die Freiheit auch in der Wendung zum praktischen Handeln treu, weil sie, was immer sie auch tut, die Absage an die Tyrannei des Wahrscheinlichsten ausspricht. Wer aus Freiheit handelt, revoltiert gegen die Gemeinheit, die man nicht weiter mit ansehen kann. Diese Freiheit ist das Gegenteil zu allem, was die im Sinn haben, die sie als Lizenz zum Sichgehenlassen ins Übliche, allzu Übliche verstehen.

Der Autor ist Professor für Ästhetik und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Der Text ist ein Auszug aus der 5. „Berliner Rede zur Freiheit“, die Peter Sloterdijk bei der Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit gehalten hat.
Der Autor ist Professor für Ästhetik und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Der Text ist ein Auszug aus...

Sollte es je zu einer intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus kommen, sie müsste von der Erkenntnis ausgehen, dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern. Sie tragen ebenso das Potenzial zu gebenwollendem, großzügigem und souveränem Verhalten in sich. Dieser Hinweis war nie so wichtig wie gegenwärtig. Nie zuvor haben Begriffe wie „liberal“ oder gar „neoliberal“ eine so niederträchtige Konnotation angenommen wie in den letzten Jahren. Noch nie war das liberale Denken, vor allem in unserem Land, so weit vom vornehmen Pol der menschlichen Möglichkeiten entfernt. Noch nie hat man die Freiheit so eng und so fatal mit der Besessenheit von Menschen durch den Gier-Stress in Verbindung gebracht.

Aber was beweist das? Nichts anderes, als dass die Sache der Liberalität zu wichtig ist, als dass man sie den Liberalen überlassen dürfte. Diese Einschränkung betrifft nicht nur eine einzelne Partei. Die Sache des Realen und seiner Reform ist zu wichtig, als dass man sie Parteien überlassen könnte. So ist die Sorge um die kulturelle Tradition zu umfassend, als dass man sie bloß Konservativen anvertrauen dürfte. Die Frage nach der Bewahrung der Umwelt ist zu bedeutsam, als dass man sie nur ins Ressort der Grünen überweisen sollte. Die Suche nach sozialem Ausgleich ist zu anspruchsvoll, als dass man Sozialdemokraten und Linken die alleinige Verantwortung dafür übertragen könnte. Doch braucht jedes dieser elementaren Motive eine parteiliche Hauptstimme.

Was die Verteidigung der Freiheit angeht, so ist sie ein Projekt, das nicht ohne Partei und nicht ohne Parteilichkeit auskommt. Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiß, dass es weiterhin darum geht, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenigen, die das Gesicht eines Despoten tragen, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte. Wir müssen uns mit der Tatsache zurechtfinden, dass uns die Wirklichkeit zumeist als ein umfassendes Stress- Konstrukt umgibt. Die bekennenden Realisten haben recht, wenn sie auf der Verpflichtung zum Wirklichkeitssinn bestehen. Die wahren Liberalen fügen den Möglichkeitssinn hinzu: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht wissen können, was alles noch möglich wird, wenn Menschen Wege finden, sich aus den kollektiv verfertigten Zwangskonstruktionen zu lösen.

Eben darum ist die aktuelle Welt so grenzenlos erstaunlich. Illiberalen Rückschlägen zum Trotz vollziehen sich in ihr, wie nie zuvor, unzählige Infiltrationen aus dem anderen Zustand, aus der Loslösung, aus der Leichtigkeit des Seins – Infiltrationen, die in die Strukturen des Bestehenden erhöhte Freiheitsgrade tragen. Wir verteidigen die Sache der Freiheit, indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen – und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert.

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