Mein Blick : Ahmadinedschad vor dem Holocaust-Mahnmal?

Der nächste Wahlkampf kommt bestimmt - und Alexander Gauland lässt schon mal die Fantasie spielen, wer in der Hauptstadt noch so öffentlichkeitswirksam auftreten könnte wie Barack Obama.

Alexander Gauland

Ja, die Rede war klug, einfühlsam und nobel. Und die Begeisterung der Berliner ein schönes Zeichen von Dankbarkeit und Erleichterung, Dankbarkeit dafür, dass hier ein Politiker klug, einfühlsam und nobel geredet hat, und Erleichterung darüber, dass George W. Bush nun bald Geschichte ist. Und dennoch hatten diejenigen recht, die das Ganze mit Missbehagen, jedenfalls vor dem Brandenburger Tor, aber auch unter der Siegessäule betrachtet haben.

Außenpolitik ist eine Sache zwischen Staaten, eine Sache von Interessen und diplomatischem Kalkül, kein Werk der Menschheitsverbrüderung mit noch so charismatischen Idolen. Die Deutschen wollen umarmen und bewundern, und es wäre wohl kleinkariert, sie daran zu erinnern, dass sie schon manch Falschem zugejubelt haben. Aber ein US-Präsidentschaftskandidat ist trotz allem erst einmal der Interessenvertreter seiner Partei und danach seines Landes, und was, wie und wo er etwas sagt, hat Rückwirkungen auf andere – die parteipolitischen Konkurrenten heute und die staatlichen eventuell morgen. Die angesäuerten Reaktionen in London und Paris wie McCains Medienschelte vermitteln einen Vorgeschmack davon. Schließlich gibt es so manchen symbolträchtigen Ort in Berlin – und der nächste Wahlkampf kommt bestimmt.

Was aber, wenn Herr Putin oder Herr Medwedew vom sowjetischen Ehrenmal in Treptow aus den Ukrainern klarmachen möchte, welche Opfer russische Soldaten für die Befreiung der Krim von den Deutschen gebracht haben? Oder gar der iranische Präsident auf den Gedanken verfiele, seine kruden Ideen zum Holocaust den Deutschen und der Welt in der Nähe der dafür geschaffenen Gedenkstätte zu erklären? Zwischen den Staaten, so hat es der britische Premier Palmerston einmal formuliert, gibt es keine ewigen Freundschaften, sondern nur ewige Interessen. Und da das trotz aller Globalisierung noch eine Zeit lang so bleiben wird, wäre es gut, wenn auch die alten diplomatischen Regeln ihre Geltung behielten. Die besagen, dass man es besser unterlässt, eine befreundete Regierung in allerlei Erklärungszwänge – wem gegenüber auch immer – zu bringen, zumal, wenn man seinen Staat nicht repräsentiert, sondern dafür bloß ein Mandat sucht. Die Deutschen möchten nach ihrer zwölfjährigen Daseinsverfehlung gern gut und mit aller Welt Freund sein. Dabei übersehen sie leicht, dass dieses romantische Erbe zwar ein schöner Charakterzug, aber selten richtige Politik ist.

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