Mon BERLIN : Berlin im Sommer, Du bist so wunderbar!

Die Côte d’Azur kommt ihrer Vorstellung von Hölle schon sehr nahe: Schweißdampfende Körper nebeneinander aufgereiht, kein Sandkorn ist mehr frei, von den Gerüchen unter der brennenden Sonne mal ganz zu schweigen. In Berlin hingegen kann man den schönsten Sommerurlaub verbringen, meint Pascale Hugues. Und warum?

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So schön kanns sein: Sommer auf dem Balkon.
So schön kanns sein: Sommer auf dem Balkon.Foto: dpa

Morgens schlage ich auf meinem Balkon die Zeitungen auf und sehe mit Schaudern die Luftbilder von den sommerlichen Stränden. Usedom wuselig wie ein Ameisenhaufen, dem ein verantwortungsloser Spaziergänger gerade einen Fußtritt versetzt hat. Auf diesen Fotos ist kein einziges Sandkorn mehr zu sehen. Nur Hunderte von Insekten, die zwischen Strandkörben und Sonnenschirmen herumkrabbeln. Die Côte d’Azur kommt einer Vision der Hölle schon sehr nahe. Willenlose Körper nebeneinander aufgereiht, Handtuch an Handtuch, Achselhöhle an Achselhöhle. Ein Potpourri von süßlicher Sonnencreme, herbem Schweiß und Salamisandwich. Mir wird ein wenig übel.

Bei mir unten auf der Straße dagegen rührt sich keine Menschenseele. Stille. Eine flüchtige Brise. Ich trinke meinen zweiten Espresso. Ich atme durch. Wie schön es im Sommer zu Hause ist.

Zugegeben, in Berlin hängt die Lebensfreude stark vom Thermometer ab. Wenn es wochenlang nicht über null Grad hinauskommt, wenn der Schneeregen in Böen durch die Straßen fegt und es um drei Uhr nachmittags dunkel wird, dann gleicht Berlin einem Fegefeuer, in dem man schöneren Tagen entgegenbangt. Wenn es aber wie in diesen Tagen auf weit über 25 Grad hinaustänzelt, dann ist diese Stadt ein Paradies.

Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Kaum hat sie den endlosen Winter abgeschüttelt, da hat sie sich, schon vor mehreren Wochen, in eine südliche Stadt verwandelt. Mit ihrer bleiernen Mittagshitze, den heruntergezogenen Jalousien, den Ventilatoren in den Geschäften, den Büroangestellten in Shorts und Sandalen, dem Gelächter auf den überfüllten Terrassen und den nächtlichen Gesprächsfetzen auf den Balkonen – man könnte sich nach Neapel oder Athen versetzt glauben.

Und noch ein paar höchst erfreuliche Nebeneffekte: überall Parkplätze, ein entspannter, fast liebenswürdiger Umgangston, eine gewisse Nonchalance – Berlin streift die Vollkommenheit. In welcher anderen Hauptstadt kann man sich, kaum aus dem Bett, aufs Fahrrad schwingen und zum nächsten See radeln, ganz allein in der grünen Wildnis baden, sich auf der Wiese ausstrecken und der Stille lauschen, bevor man sich zum Frühstück zu einer Caféterrasse aufmacht? Und wo kann man auf dem Balkon schlafen, ohne dass man meint, man habe sein Bett auf einer vierspurigen Autobahn aufgeschlagen?

Sommer-Finale in Berlin
Tagesspiegel-Leser Stefan Müser wollte an diesem Wochenende einfach nur raus, und die letzten Sonnenstrahlen dieses Sommers genießen. Diese Aufnahmen machte er am Alex. Haben Sie die Gelegenheit auch genutzt und noch ein paar Sommer-Schnappschüsse gemacht? Senden Sie uns Ihre Bilder an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 88Foto: Stefan Müser
08.09.2013 15:04Tagesspiegel-Leser Stefan Müser wollte an diesem Wochenende einfach nur raus, und die letzten Sonnenstrahlen dieses Sommers...

Trotzdem kommt Berlin nicht aus dem Tritt. Man lässt sich nicht gehen, von einem kollektiven Hitzefrei kann keine Rede sein. Hundstage hin oder her, Berlin funktioniert. Anders als diese südlichen Städte, die vom 15. Juli bis zum 15. August in den Tiefschlaf versinken. Versuchen Sie mal, in Frankreich um den 15. August herum eine geöffnete Bäckerei zu finden! Voriges Jahr habe ich in ganz Lyon nach frischen Brötchen gesucht, ohne Erfolg.

„Wegen Sommerferien geschlossen“, verkündeten die Schilder in den Schaufenstern. In meinem Land folgen die „grandes vacances“, die großen Ferien, einer eisernen Regel: Juli und August. Für sämtliche Schüler in allen französischen Regionen, seit ewigen Zeiten und bis ans Ende aller Tage. Das war schon so, als ich ein Kind war. Das wird in hundert Jahren noch so sein. Eine heilige Kuh, die niemand zu schlachten wagt.

Als eine Handvoll unerschrockener Pioniere es wagte, den Rhythmus des Schuljahrs reformieren zu wollen, nämlich die „grandes vacances“ zu verkürzen, um den Schultag im Rest des Jahres zu entlasten, gab es heftige Proteste und erregte Diskussionen. Dabei war das eine ausgezeichnete Idee: Sie hätte das Martyrium der Eltern beendet, die acht Wochen lang zwischen Ferienlagern, Sportcamps und Großeltern jonglieren müssen, um ihre Kinder zu versorgen, während sie selbst arbeiten. Und sie hätte zugleich den Schultag verkürzt, von acht bis sechzehn Uhr für die meisten Schüler und oft bis siebzehn Uhr für die Gymnasiasten. Ein Arbeitstag, der eines Workaholics würdig wäre.

Ganz bestimmt ist es ein Vorteil, wenn man schon Ende Juni wie in diesem Jahr losfährt und die Strände noch leer sind. Aber dann in der größten Augusthitze zurückkommen und die Stadt nicht genießen können – arme Berliner! Es leben die großen Ferien! Vive les grandes vacances!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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