Mon Berlin : Die gequetschten Lippen der Revolution

Jede Nation hat ihren Lieblingskuss. Der Lieblingskuss der Berliner ist sabbernd, riecht nach billigem Rasierwasser - und ist dafür historisch.

Pascale Hugues

Jede Nation hat ihren Lieblingskuss. Die Amerikaner haben ein Collier charmanter kleiner       Küsse, die von den himbeer-  roten Lippen Marilyn Monroes in die Luft gehaucht werden. Sie gleiten über die ausgestreckte Hand der Diva und schweben graziös in die ekstatische Menge der Empfänger. Die Österreicher haben den leuchtenden Kuss von Gustav Klimt. Er verbirgt sich im glänzenden Stoff des Umhangs, vergräbt sich im dichten Haar. Ein transzendentaler Kuss, schon nicht mehr von dieser Welt. Die Franzosen haben den sinnlichen Kuss von Rodin, zwei ineinander verschlungene Körper aus weißem Marmor auf einem Sockel. Das Liebespaar hat die ganze Welt vergessen. Sie existieren nur noch füreinander.

Und was ist der Lieblingskuss der Berliner? Er ist auf die Mauer der East Side Gallery gemalt. Kein klassischer Kuss, leidenschaftlich, selbstvergessen. Auch kein trockener schneller Kuss, der die Freundschaft besiegelt. Klack, klack, rechts und links auf die Wangen. Sondern ein seltsamer Kuss zwischen zwei alten und nicht mehr sehr appetitlichen Herren. Der Kuss, den Leonid Breschnjew und Erich Honecker sich vor langer Zeit gaben. Nein, der Kuss der Berliner bringt uns nicht zum Träumen. Es ist ein offizieller, zeremonieller Kuss, der vom ganzen Planeten gesehen und gedeutet werden soll. Ein Kuss als Träger einer politischen Botschaft: Zwei Bruderländer demonstrieren ihre Solidarität auf etwas obszöne Art.

Jedes Mal, wenn ich diese aneinander geschmiegten Gesichter passiere, muss ich angewidert den Mund verziehen: Breschnjews Hängebacken, seine monumentalen Augenbrauen, Honeckers teigiger Teint. Die auf den anderen Mund gequetschten Lippen. Dieses Brillengestell, das von der Nase rutschen will. Der Kuss hat etwas Vampirhaftes. Ich stelle mir den Kuss ziemlich sabbernd vor. Vielleicht roch er nach einem billigen Rasierwasser? Angela Merkel darf sich glücklich schätzen, dass es dieses eigenartige Ritual in den westlichen Demokratien nicht gibt. Der Handkuss von Jacques Chirac ist doch viel galanter. Und stellen Sie sich nur mal vor, die Kanzlerin müsste Nicolas Sarkozy auf den Mund küssen …

Ein kräftiger Händedruck von Breschnjew und Honecker wäre viel angemessener und weniger exhibitionistisch gewesen. Wobei ein Händedruck aber auch wesentlich unangenehmer als ein Kuss sein kann. Manche Hände sind mit feuchtem Schweiß getränkt. Sie rutschen einem zwischen die Finger wie ein Aal frisch aus dem Wasser. Manche sind weich und schüchtern. Sie lassen das Temperament vermissen. Das sind die Schlimmsten, finde ich, weil sie weder ehrlich noch überzeugt sind. Ich mag auch die nicht, die einem die Hand zerquetschen und die Ringe ins Fleisch rammen. Nur mühsam kann man einen Schmerzensschrei unterdrücken.

Und doch darf man den so wenig erotischen Kuss der East Side Gallery nicht geringschätzen. Er ist der letzte Zeuge einer untergegangenen Epoche. Ein Bruderkuss zwischen den Parteigenossen zweier Länder, die es nicht mehr gibt. Die geopolitische Ordnung Europas wurde umgestürzt. Diese beiden alten und in ihrem Dogma erstarrten Kommunisten, unfähig, den Willen ihrer Völker zur Veränderung wahrzunehmen. Das Leben hat sie bestraft, weil sie zu spät kamen. Die europäische Landkarte wurde neu gezeichnet. Der Kalte Krieg ist zu Ende. Aber der Kuss paradiert noch immer mitten durch Berlin. Er wurde sogar restauriert, und unter der frischen Farbe hat er sein ganzes Ungestüm wiedergefunden. In den Gedenkwochen der nächsten Zeit wird er besonders gefeiert werden. Das können die Liebenden von Klimt und Rodin nicht von sich behaupten! Ihr Kuss ist in einem verstaubten Museumssaal eingesperrt. Einfach ein Kunstwerk ohne Einfluss. Marilyn Monroe hat ganz sicher den mythischen Kuss par excellence kreiert, einer, von dem ganze Generationen von Männern geträumt haben, aber er hat die Niederungen der Welt nicht verändert, sieht man davon ab, dass der amerikanische Präsident ihm erlag. Der Graffiti-Kuss der Berliner hält sich viel besser: Er ist in Beton eingraviert und erinnert uns daran, dass eine Revolution stattgefunden hat.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Am 3. November um 18 Uhr stellt Pascale Hugues die französische Ausgabe ihres Buches „Marthe und Mathilde“ in der Buchhandlung der Galeries Lafayette vor.

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