Position : Ungleichheit ist besser

Die neue Studie „Gleichheit ist Glück“ wird politisch gefeiert. Für FDP-Generalsekretär Christian Lindner ist Ungleichheit besser, denn sie ist die Hefe im Teig der Marktgesellschaft. Ein Gastkommentar.

Christian Lindner
Generalsekretär Lindner
Generalsekretär LindnerFoto: FDP

Selten ist eine wissenschaftliche Veröffentlichung politisch so euphorisch begrüßt worden wie die Studie „Gleichheit ist Glück“ der britischen Wissenschaftler Kate Pickett und Richard Wilkinson. Sie plädieren für einen neuen Egalitarismus. Mit viel Datenmaterial versuchen sie die These zu belegen, dass eine Gesellschaft nur dann glücklich und leistungsfähig sein könne, wenn sie die materielle Gleichheit ihrer Bürger verwirklicht. Sozialdemokraten machen darin nun ihre „nächste große Idee“ aus. Für die Grünen erklärt ihr Vorsitzender in diesem Sinne, dass die „Umverteilung durch Steuern“ wieder Priorität habe. Damit geht eine alte Kontroverse in die nächste Runde: Freiheit oder Gleichheit?

Der Versuch des Buchs, den Vorrang der Gleichheit vor der Freiheit wissenschaftlich zu belegen, ist gescheitert. Zahlreiche Rezensenten haben methodische Zweifel angemeldet, weil die Vergleichsländer willkürlich ausgewählt wurden und mit der Einkommenssituation nur eine Variable untersucht wird. Aktuelle Untersuchungen des „Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt“ zeigen auch, dass es keine Verbindung zwischen Zufriedenheit und Gleichheit gibt. Entscheidend für Zufriedenheit seien dagegen beispielsweise ein effektiver Staat ohne Korruption, die Hochschulquote oder die wirtschaftliche Freiheit in einem Land. Zwischen den zahlreichen weltweiten Initiativen zur Messung sozialen Fortschritts zeichne sich eine Art Konsens ab, dass der materielle Lebensstandard, Bildung, Gesundheit, Arbeit, soziale Beziehungen, Umwelt und Mitsprache der Bürger die wichtigsten Faktoren sind.

Auch die ungebrochene Attraktivität der USA als Einwanderungsland mit hoher sozialer Ungleichheit lehrt uns: Menschen verbinden Glück, Fortschritt und Lebenschancen nicht mit Gleichheit – sondern mit Freiheit. Um diese Freiheit sorgen sich Liberale.

Die Sozialdemokraten Gerhard Schröder und Tony Blair schrieben in ihrem legendären Papier: „In der Vergangenheit wurde die Förderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt.“ Das gilt offenbar bis in die Gegenwart. Gleichheit vor dem Gesetz und eine Grundsicherung unabhängig von individueller Leistung oder Verschulden sind für Liberale zivilisatorische Errungenschaften. Ralf Dahrendorf hat darüber hinaus in Bildung als Bürgerrecht den „Fußboden“ der Gesellschaft gesehen, auf dem alle stehen. Damit verbunden ist aber keine Deckenbegrenzung. Der Liberalismus unterscheidet sich von der Philosophie der Gleichheit dadurch, dass er Ungleichheit nicht bedauert, sondern als Preis der Freiheit akzeptiert – sofern sie Ergebnis eines fairen, an für alle gleichen Regeln orientierten Wettbewerbs ist. Sie wäre dann nicht mehr zu rechtfertigen, wenn „aus den materiellen Ungleichgewichtslagen harte Strukturen der Freiheitsverengung wachsen, weil wenige selbstherrlich über die Lebensbedingungen herrschen“ (Udo Di Fabio).

Über die Vielfalt der Lebenschancen zu wachen, das ist die Aufgabe liberaler Ordnungspolitik. Dazu brauchen wir einen Staat, der die Einzelnen wirksamer dazu befähigt, sich im Wettbewerbsspiel zu bewegen. Die Menschen brauchen Ressourcen der Selbstbestimmung, also etwa Bildung, Zugang zur Gesundheitsversorgung und gesicherte natürliche Lebensgrundlagen. Der Staat muss Garant sozialer Chancen und der Durchlässigkeit der Gesellschaft werden – und nicht Agent überbordender Umverteilungspolitiken. Er muss Regeln für den Markt setzen. Wenn diese Bedingungen erfüllt werden, dann ist Ungleichheit die Hefe im Teig der Marktgesellschaft: In der Freiheitsordnung ist der Starke nicht automatisch und dauerhaft stark, der Schwache nicht automatisch und dauerhaft schwach. Freiheit, Chancengerechtigkeit und soziale Durchlässigkeit sind die Quellen der Hoffnung, dass Schweiß und Tränen durch sozialen Aufstieg belohnt werden. Wer wissen will, wofür die FDP arbeitet: dafür.

Der Autor ist Generalsekretär der FDP.

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