Position : Wir brauchen eine Kampfpause in Afghanistan

Die Entscheidung der US-Regierung, an der Afghanistan-Strategie festzuhalten, kam nicht unerwartet. Dennoch war sie eine Enttäuschung. Es ist an der Zeit, die schwerwiegenden Fehler zu erkennen. Ein Gastkommentar.

Kai Eide
US-Marines im Afghanistan-Einsatz
US-Marines im Afghanistan-EinsatzFoto: AFP

Die jetzige Strategie der Aufstandsbekämpfung funktioniert nicht im Kontext Afghanistan. Als die Offensive in dem kleinen Gebiet Marja im Februar gestartet wurde, hieß es, in drei Monaten werde man feststellen können, ob die Offensive erfolgreich gewesen sei. Nun sind fast elf Monate vergangen und es ist klar, dass die Offensive nicht erfolgreich war. Die zurzeit laufenden Operationen in Kandahar mögen in begrenzten Gebieten für kurze Zeit für Stabilität sorgen. Jedoch werden sie das Gesamtbild nicht ändern.

Der Glaube, die Taliban seien eher zu Gesprächen bereit, wenn größerer militärischer Druck ausgeübt werde, beruht auf einem schwerwiegenden Missverständnis ihrer Denkweise. Es mag ja möglich sein, die Aufständischen für eine Weile in einigen Gebieten zurückzudrängen. Doch die Taliban werden sich nicht in einen demütigenden Dialog zwingen lassen; und außerdem wird noch mehr Gewaltanwendung zu weiteren Rekrutierungen von Aufständischen führen.

Die Bevölkerung Afghanistans ist des Krieges müde und sie richtet ihren Frust gegen die internationalen Streitkräfte, die immer häufiger als Besatzer gesehen werden, und nicht als Befreier, trotz der gut gemeinten Versuche, die Herzen und Köpfe zu gewinnen.

Es ist daher an der Zeit zu prüfen, wie die militärischen Aktionen zurückgefahren werden können, anstatt zu überlegen, wie sie verstärkt werden können. Alle Seiten sollten ihre Bereitschaft zeigen, vertrauensvoll in einen politischen Dialog zu treten. Um festzustellen, ob solche Bereitschaft existiert, sollten begrenzte Einstellungen von Kampfhandlungen ausgelotet werden; sie könnten zeitlich und regional begrenzt und entsprechend ausgedehnt werden, falls sie sich als erfolgreich erweisen. Um solche Feuerpausen diskret zu verhandeln, wäre ein vertrauenswürdiger und erfahrener internationaler Vermittler erforderlich.

Solche Feuerpausen sind offensichtlich in einem asymmetrischen Konflikt schwieriger zu bewerkstelligen als in einem konventionellen Krieg. Es besteht die Gefahr, dass eine Seite einen Vorteil aus der Einstellung von Kampfhandlungen zieht. Daher wird eine vorsichtige, schrittweise Annäherung notwendig sein. Sie dient dazu, die Bereitschaft aller Seiten zu prüfen, eine übermäßig militärische Strategie durch einen politischen Prozess zu ersetzen.

Kai Eide
Kai EideFoto: AFP

Um erfolgreich zu sein, würde ein Friedensprozess nicht nur die Unterstützung der Taliban und der Isaf benötigen. Genauso wichtig wird ein Konsens zwischen den verschiedenen politischen und ethnischen Gruppen Afghanistans sein. Die USA und ihre Verbündeten sollten ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, Präsident Karsai zu helfen, einen solchen Konsens herbeizuführen. Ein Friedensprozess würde eine fortgesetzte internationale militärische Präsenz im Lande notwendig machen, um den Prozess selbst zu beobachten und dazu beizutragen, das Ergebnis zu konsolidieren. Ein frühzeitiger Abzug könnte neue Spannungen bewirken und das Land zurück in eine bürgerkriegsähnliche Situation führen, und nicht zu einer friedlichen Lösung des Konflikts. Die Taliban haben erklärt, dass alle ausländischen Truppen das Land verlassen müssen. Jedoch glaube ich nicht, dass dies eine Voraussetzung für einen politischen Dialog ist.

Es ist an der Zeit zu verstehen, das ein Immer-mehr-des-Gleichen nur noch größere Ressentiments in der Bevölkerung bewirkt und größere Hartnäckigkeit bei den Aufständischen. Die Nato kann den Krieg nicht gewinnen. Die Taliban ebenfalls nicht. Doch es ist möglich, den Frieden zu gewinnen – vorausgesetzt, dass ein Richtungswechsel stattfindet, der sich stärker dafür einsetzt, dass bald eine politische Lösung unter afghanischer Führung erreicht wird.

Der Autor ist ehemaliger UN-Gesandter in Afghanistan. Aus dem Englischen übersetzt von Helene Klein.

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