POSITIONEN : Prognosen haben kurze Beine

Eine Arbeitslosenzahl von fünf Millionen und ein Null-Wachstum wurde prognostiziert. Die Wirtschaftsauguren geben ungeniert ihre „Erkenntnisse“ weiter.

Heik Afheldt
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Das Schlimmste liegt ganz klar noch vor uns“, tönte der damalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, noch Mitte letzten Jahres. Bis zum Winter 2010 werde die Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen steigen, und für 2010 rechne er beim Wirtschaftswachstum mit einer schwarzen Null.

Walter war nicht allein mit seinen düsteren Prognosen. Der Sachverständigenrat sowie diverse Wirtschaftsforschungsinstitute lagen ähnlich schief. Das Münchner IFO-Institut sah für dieses Jahr magere 0,1 Prozent Wachstum in seiner Glaskugel. Die Politiker sorgten für ein entsprechend lautes Echo. Angela Merkel verkündete im Januar im Bundestag, das tiefe Tal läge noch vor uns, und die Kommentatoren der meisten Zeitungen und TV-Anstalten vertieften diese Sorgen weiter mit wohlformulierten Unkenrufen.

Nun sind die Unken offenbar gestorben, als stille Opfer des weltweiten Wirtschaftsklimas. Es boomt fast allerorten wieder. Ein XL-Aufschwung ist da mit Wachstumsraten zwischen drei und fünf Prozent in Deutschland und Arbeitslosenzahlen auf Rekordtiefe.

Das ist erfreulich, hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack. Warum haben sich so viele Experten trotz weit entwickelter Modelle und einer großen und aktuellen Datenflut so sehr geirrt? Wieso schämt sich keiner für seine teure Fehlsicht oder versucht zu ergründen, was da schiefgelaufen ist? Stattdessen verkünden sie selbstbewusst, als sei nichts gewesen, nun ungeniert ihre neuen Erkenntnisse. Und wieder plappern es alle nach.

Dabei ist es höchste Zeit, über Prognosen in sogenannten „Wolkensystemen“ (Karl Popper), wie es die komplexe Welt der Wirtschaft nun einmal ist, nachzudenken. Anders als in „Uhrensystemen“, in denen eindeutige funktionale Zusammenhänge erkennbar sind, können wir in Wolkensystemen nur Entwicklungen beobachten und mit früheren Mustern vergleichen – und annehmen, dass sie sich in Zukunft ähnlich verhalten wie bekannte Varianten in der Vergangenheit. Begründen können wir die Annahmen nicht, weil wir die komplexen Zusammenhänge nicht verstehen.

Gibt es eine Lehre daraus? Klaus Zimmermann, der Präsident des DIW, hat im letzten Jahr nach besonders frustrierenden Fehlprognosen geraten, von Konjunkturprognosen ganz abzusehen. Seine Begründung: Sie verwirren mehr, als dass sie helfen. Bernd Rürup hat als Vorsitzender des Sachverständigenrats nach mehreren Jahren eigener gravierender Fehleinschätzungen Prognosen damit verteidigt, dass sie als Basis etwa von Steuerschätzungen und damit als Ausgangspunkt der Haushaltsplanungen unverzichtbar seien. Das klingt vernünftig, aber ist es das auch?

Steuert es sich auf der Basis falscher Zahlen wirklich besser als ohne Zahlen? Oder wäre es nicht sinnvoller, zumindest die ärgerliche Scheingenauigkeit endlich über Bord zu werfen und statt dessen mit Korridoren oder Bandbreiten zu arbeiten? Bei der Suche nach Gründen für die „großen Irrtümer“ wird man jedenfalls rasch entdecken, wie nach einem Jahr fast einhelliger Unterschätzung eines Konjunkturtales im nächsten Jahr die Prognosen zu weit nach oben schießen, um nun scheinbar auf der sicheren Seite zu sein. Das passiert vor allen den Kurventechnikern unter den Auguren.

Aber auch diejenigen, die nach den eigentlichen Gründen für die Konjunkturen forschen, sind oft Opfer alter Denkmuster. Heute warnen schon wieder viele vor dem baldigen Ende des Aufschwungs – auf den gleichen schwankenden Aussichtstürmen wie vor einigen Monaten. Und wo das nicht reicht, eignen sich dann die Themen „Scheitern des Euro“ und „Zusammenbruch der Europäischen Union“ hervorragend, um die Aufmerksamkeits- und Einschaltquoten zu steigern.

Der Autor war 23 Jahre bei der Prognos AG in Basel, davon 10 Jahre als Vorsitzender der Geschäftsleitung und ist heute Honorarprofessor für Zukunftsforschung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Von 1998 bis 2002 war er Herausgeber des Tagesspiegels.

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