Qualitäts-Tests : Wenn Bewertungen überbewertet werden

Waschmaschinen, Daunendecken, Vollkorntoast oder E-Bikes: Alles wird heute akribisch getestet, benotet, kategorisiert. Sinn ergibt das nicht immer. Und welchen Maßstäben kann man heute überhaupt noch vertrauen?

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Ein rotes Schild mit der Aufschrift "Test in Progress"
Die „Stiftung Wartentest“ hat Daunendecken getestet, es gibt da gute und schlechte. Wie kommt man da überhaupt zu einer Bewertung?Foto: dpa

Vor kurzem las ich auf der Startseite eines großen deutschen Nachrichtenportals die Überschrift „Wird Erziehung überbewertet?“ Überschriften als Fragen zu formulieren ist eine gängige Methode, sie soll Neugier erzeugen, obwohl Leser doch lieber Antworten präsentiert bekommen wollen, anstatt Fragen, oder?

Ob Erziehung überbewertet ist oder nicht, weiß ich jetzt leider immer noch nicht, denn den Text zu der Überschrift habe ich nicht gelesen, stattdessen aber die Meldung, dass die britische Handelsmarine im Kampf gegen somalische Piraten auf die Musik von Britney Spears setzt. Zur Abschreckung. Eine mögliche Überschrift zu der Meldung hätte dann ja auch lauten können „Wird die Musik von Britney Spears unterbewertet?“. Denn was gegen somalische Piraten hilft, kann doch eigentlich nicht verkehrt sein.

Die Stiftung Warentest hat Ärger

Aber: Wenn man sich die Frage stellen muss, ob dieses oder jenes über- beziehungsweise unterbewertet wird, dann bedeutet das doch, dass es vorher eine Bewertung gegeben haben muss. Wer hat in all den Jahren die Erziehung bewertet? Und wie? Nach Schulnoten? Von 1 (ganz schlecht) bis 10 (ganz gut)? Das neue Album der Band Arcade Fire wurde von dem Popkritiker Andreas Borcholte jüngst mit einer „10“ bewertet, eine bessere Benotung lässt seine Rubrik „Abgehört“ nicht zu, deshalb meinen jetzt einige, die Platte sei überbewertet, dabei wäre sie das doch nur, wenn Borcholte ihr eine „11“ gegeben hätte. Aber vielleicht bringe ich da jetzt auch was durcheinander.

Worauf kann man sich in Sachen Bewertungen eigentlich noch verlassen? Die „Stiftung Warentest“ feiert im kommenden Jahr ihr 50. Jubiläum, im Moment gibt es Ärger, weil die Tester des Heftes angeblich E-Bikes nicht richtig bewertet hätte. Oder nicht nachvollziehbar. Oder zu streng – der Vorgang ist kompliziert. Jedenfalls haben sich verschiedene E-Bike-Hersteller über die Durchführung eines E-Bike-Testes beschwert, in dem ihre Modelle ein „mangelhaft“ bekommen habe. Ich habe auch schon mal ein mangelhaft bekommen, vor vielen Jahren, für eine Matheklausur. Ich habe mich aber nicht beschwert damals, ich habe einfach ziemlich Mist gebaut, nicht genug gelernt, mich verrechnet – ich wurde weder unter- noch überwertet, ich bekam mein „mangelhaft“ völlig zurecht.

Wie testet man Vollkorntoast?

Damals vertraute ich den objektiven Bewertungsmaßstäben meines Mathematiklehrers – aber wem vertraue ich heute? Für die aktuelle Ausgabe der „Stiftung Wartentest“ wurden Daunendecken getestet, es gibt da gute und schlechte. Ich habe keine Ahnung, wie ich Daunendecken testen würde, ich wüsste überhaupt nicht, wie da zu einer Bewertung kommen könnte? Was muss ich da testen? Die Dicke? Das Gewicht? Den Kuschelfaktor? Bei Waschmaschinen verstehe ich wenigstens noch, dass man überprüfen kann, wie sauber so ein Ding die Wäsche kriegt. Aber was ist zum Beispiel mit Vollkorntoast? Haben die auch schon getestet. Und bewertet. Aber wie wollen die wissen, ob ein sensationell bewertetes Toastbrot mir auch schmeckt? Vielleicht mag ich Toastbrot, das objektiven Bewertungsmaßstäben überhaupt nicht standhalten kann.

Vielleicht werden Bewertungen überbewertet.

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