US-Botschafter Murphy : Wir sind in Afghanistan auf dem richtigen Weg

In Afghanistan wird sichtbar, dass sich die internationale Unterstützung auszahlt, meint US-Botschafter Philip D. Murphy. Doch die Fortschritte sind noch nicht gesichert.

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Bundeswehrsoldat auf Patrouille in Kabul.
Bundeswehrsoldat auf Patrouille in Kabul.Foto: dapd

An einem kühlen Abend in Afghanistan Anfang dieses Monats stieg ich aus einem Transportflugzeug und sah drei amerikanische Sanitätshubschrauber, ordentlich aufgereiht auf dem Rollfeld des von Deutschland geführten Camp Marmal außerhalb von Masar-i-Scharif. Es waren Hubschrauber wie die, in denen amerikanische Sanitäter am Karfreitag 2010 verletzte deutsche Soldaten evakuierten. Für mich sind sie zu einem Symbol für die enge Zusammenarbeit zwischen den 5000 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und ihren amerikanischen Kameraden geworden. In den folgenden Tagen traf ich Soldaten und offizielle Vertreter in Masar-i-Scharif, in Kundus und auf dem deutschen Stützpunkt „OP North“. Bei jedem Termin wurde mir von den enormen Leistungen der deutschen Soldaten und Zivilisten in Afghanistan berichtet.

Ich bin in der Überzeugung zurückgekehrt, dass wir in Afghanistan auf dem richtigen Weg sind. Ich weiß, dass Deutschland, genau wie die Vereinigten Staaten, unter Druck steht, seine Isaf-Truppen zu reduzieren. Um jedoch die bereits gemachten, durchaus effektiven Fortschritte zu sichern, müssen wir auch während der Übergabe der sicherheitspolitischen Verantwortung an die Afghanen ausreichend Ressourcen und Personal zur Verfügung stellen.

US-Botschafter Philip D. Murphy
US-Botschafter Philip D. MurphyFoto: Promo

„Auf Sicherheit folgt Entwicklung“, sagte mir ein hochrangiger Diplomat in Afghanistan. Aus diesem Grund wird es in den kommenden drei Jahren des Übergangs mit am wichtigsten sein, dauerhafte Sicherheit im Land zu gewährleisten. Die Entwicklung erhöht dann wiederum die Sicherheit. Ein Beispiel: Die Aufständischen deponieren keine selbstgebauten Sprengsätze an asphaltierten Straßen. „Warum nicht?“, fragte ich einen amerikanischen Offizier. „Weil sie zu wertvoll sind“, antwortete er. Durch die Zerstörung einer asphaltierten Straße würden sie den Zorn der örtlichen Bevölkerung auf sich ziehen. Einfach ausgedrückt: Wenn die Afghanen die Wahl haben, entscheiden sie sich gegen die Taliban. Und wo immer wir präsent und aktiv sind, stellen sich die Afghanen auf unsere Seite. Ein deutscher Oberstleutnant erklärte mir, dass die Dorfältesten im Vorfeld einer Isaf-Offensive zur Rückeroberung eines Gebietes den unter ihnen lebenden Taliban selbst gesagt hätten, dass sie nicht länger willkommen seien, ein ermutigendes Zeichen. Zudem ist die Gewalt in den nördlichen Provinzen deutlich zurückgegangen. Es ist zwar immer noch gefährlich, aber die Aufständischen starten keine koordinierten Angriffe mehr. Stattdessen fallen Unschuldige häufig Sprengsätzen am Straßenrand, Selbstmordanschlägen oder gezielten Tötungen zum Opfer, da die Taliban so Aufmerksamkeit erregen und Schlagzeilen machen. Ein deutscher Oberst erzählte mir, dass die Ausbildung der afghanischen Armee in Kundus dem Zeitplan voraus sei. Ein anderer Offizier sagte, dass die Einheiten der Afghanischen Nationalen Armee in der benachbarten Provinz Baghlan nun eigenständig Einsätze durchführten.

Im Dezember werden Vertreter aus aller Welt in Bonn zusammenkommen. Die Konferenz, von der afghanischen Regierung einberufen und von Deutschland organisiert, wird umfassende Pläne für das weitere internationale Engagement in Afghanistan erarbeiten.

Meines Erachtens ist bereits sichtbar, wie sich die internationale Unterstützung auszahlt. In der Nähe von Camp Marmal befindet sich eine von Deutschland finanzierte Ausbildungsstätte für Lehrer. Während eines früheren Besuchs in Afghanistan habe ich ein Wohnheim besichtigt, das damals gerade neu gebaut worden war. Das Wohnheim ist viel mehr als nur Bestandteil der Campus-Infrastruktur. Für die Studenten, hauptsächlich Frauen, ist es ein wichtiges Symbol einer vielversprechenden Zukunft. Das Wohnheim bedeutet, dass sie nun aus ihren weit entfernten Dörfern anreisen können, um sich in Sicherheit und Würde einem Studium zu widmen, das ihr eigenes Leben verbessern und das Leben anderer Menschen verändern würde.

Anfang dieses Monats erzählte mir ein deutscher Entwicklungshelfer, dass jedes Zimmer jetzt von Studenten belegt sei, die mit großem Eifer lernten, um einmal die nächste Generation der afghanischen Jugend unterrichten zu können. Für die Sicherung jener Zukunft engagieren sich deutsche und amerikanische Soldaten gemeinsam mit tausenden afghanischen Soldaten und Polizisten überall im Land. Zusammen arbeiten die Soldaten und die Studenten am Wiederaufbau des Landes. Wir schulden ihnen Respekt. Sie haben unsere Unterstützung verdient.

Der Autor ist Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin.

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