Vermögen von Juden : Vernichtet und ausgeraubt

Wie sich die Nazis am Vermögen von Juden bereicherten. Am Ende aller Arisierungen hatte der Staat rund 119 Milliarden Reichsmark kassiert. Ein Raubzug, der nie so richtig ins öffentliche Bewusstsein gelangte.

Sibylle Krause-Burger
Foto: dpa Foto: picture-alliance/ dpa
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Die Vergangenheit will uns nicht loslassen. Gestern waren es die mörderischen Nazi-Geschichten aus dem Auswärtigen Amt. Jetzt lassen die Verstrickungen des Reichsfinanzministeriums den Atem stocken, ausgegraben von Historikern im Auftrag des vormaligen Ressortchefs Peer Steinbrück. Über die Morde wissen wir inzwischen viel. Doch über die Raubzüge an den jüdischen Vermögen ist der Öffentlichkeit wenig bewusst.

Dabei waren sie ein wesentlicher Bestandteil des ganzen Vernichtungsfeldzuges. Schließlich handelte es sich bei der verfemten jüdischen Minderheit doch um „Volksschädlinge“, weshalb man ihnen nehmen musste, was sie zuvor dem herrlichen deutschen Volk gestohlen hatten.

Denn den Nazis ging es auch ums Geld. Daraus machten sie keinen Hehl. Sie propagierten nur, woran die Leute sowieso glauben wollten: an die jüdische Weltverschwörung und ihre unendlichen finanziellen Möglichkeiten. Da hatte man das Recht einzugreifen.

Dabei versteckte sich der Staat ausgerechnet hinter denen, die er um Hab und Gut brachte. Und das ging so: Bevor eine deutsche Person jüdischer Abstammung abgeholt wurde, bekam sie die sogenannten „Listen“ zugestellt. Ein Abgesandter der Reste der jüdischen Gemeinden – die Mordmaschine lief schon auf Hochtouren – brachte die Papiere vorbei. Darin hatten die Todgeweihten so gut wie alles einzutragen: vom „Tafelgerät Silber“ über den „Rauchtisch“ bis zum „Theaterglas“, auch zu „Strümpfen“, „Badelaken“ und „Frottiertüchern“.

Nach der Deportation fuhren Lastwagen vor und holten ab, was von den Besitztümern des Verschleppten noch übrig war. Die Sachen wurden zumeist versteigert. Schmuck und Radios, Pelze und Fahrräder, Schreibmaschinen oder Elektrogeräte hatten die Nazis längst vorher konfisziert.

Und das Geld? Die Wertpapiere? Aktien? Da handelte der Staat ohne Vermittlung. Er hielt ein Aktenzeichen bereit, und in Gestalt eines Finanzamtes oder im Namen eines Oberfinanzpräsidenten rief er die Vermögen ab, weshalb sich nach dem Krieg auch leicht zurückverfolgen ließ, wo die Werte abgeblieben waren. So wurde etwa eine Hypothek über 25 000 Reichsmark in Berlin-West zunächst vom Finanzamt Wilmersdorf Süd gepfändet und im Grundbuch anno 1944 auf die Reichsfinanzverwaltung des Groß-Deutschen Reiches umgeschrieben.

Aus demselben Vermögen gingen noch Papiere im Wert von rund 4000 Reichsmark diesen Weg. Die arme Deutsche Bank durfte Pfandbriefe über 3600 Reichsmark behalten. Eine Reichsfluchtsteuer von genau 17 067 Reichsmark hatte die Eigentümerin, eine 63-jährige Witwe, die man trotzdem nicht fliehen ließ, schon vorher entrichtet.

Am Ende aller Arisierungen hatte der Staat rund 119 Milliarden Reichsmark kassiert. Ein Raubzug, der nie so richtig ins öffentliche Bewusstsein gelangte. Kein Aufschrei. Kein Gedenken.

Doch manche Dinge bleiben auf merkwürdige Art lebendig. Dazu gehört die Sache mit den Juden und dem Geld, die Vorstellung also, dass Juden immer ans Geld denken, dass sie auch Geld haben und dass das irgendwie nicht ganz in Ordnung ist, was bekanntlich damit zu tun hat, dass Juden vor der Emanzipation keine bürgerlichen Berufe ausüben durften und auf die verteufelten Geldgeschäfte angewiesen blieben. Von all dem liegt auch heute noch etwas in der Luft. Es gibt eben nicht viele Leute, die den Raub der jüdischen Vermögen überhaupt zur Kenntnis nehmen. Die so bezeichnete Wiedergutmachung, die genau dies nie sein konnte, war niemals populär, was bisweilen in den Auseinandersetzungen über den Verbleib von Kunstwerken anklingt, welche die Nazis gestohlen hatten.

Irgendwie scheint es manchen Kritikern ungerechtfertigt, dass diese Stücke, die in Museen ausgestellt sind, von den Erben zurückgefordert werden. Und nun, in diesen Tagen zu alledem noch der Betrug an der Bundesrepublik über die Jewish Claims Conference. Man möchte gar nicht wissen, wie diese in New York zutage getretene Gier die alten Vorurteile belebt. Auch deshalb muss man an den beispiellosen Raubzug der Nazis erinnern.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin.

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