Vor der Europawahl : Die Jungen müssen Europa retten

Nach einer 13.000 Kilometer Forschungsreise durch 14 europäische Länder in diesem Frühjahr stellen wir fest: Unserer Generation muss endlich Verantwortung übernehmen! Nur so wird die europäische Idee Erfolg haben. Ein Gastbeitrag.

Vincent-Immanuel Herr, Martin Speer
Für junge Leute in Europa bedeutet die EU Reisefreiheit und Krise zur selben Zeit.
Für junge Leute in Europa bedeutet die EU Reisefreiheit und Krise zur selben Zeit.Foto: imago

Die Europawahl steht vor der Tür und mit ihr Fragen über die Zukunft der EU. Besonders unter jungen Menschen, so hört man wieder und wieder, ist die Wahl im besten Fall unpopulär, oft noch nicht einmal Gesprächsthema. Erschreckend viele wissen nicht einmal, dass eine Wahl stattfindet. Wenn gewählt wird, dann gerne extrem. Davor haben nicht nur die Politiker in Brüssel Angst, sondern auch viele Bürger. Konsequent wird berichtet und behauptet, Europa vernachlässige seine junge Bevölkerung und gebe sie dem Ruin und der Chancenlosigkeit preis. Das ist teilweise richtig. Bildungsetats, junger Arbeitnehmerschutz und außeruniversitäre Ausbildung lassen in vielen Ländern durchaus zu wünschen übrig. Doch es lohnt sich die Lage auch von einer anderen Perspektive zu betrachten. Vielleicht liegt die Misere mit den jungen Europäern eben nicht nur an gegenwartsverliebten Politikern und verantwortungslosen Wirtschaftseliten. Auch wir Jungen tragen eine Mitverantwortung, die wir bis heute aber nicht so recht wahrnehmen wollen.

Viele junge Leute haben keine Ahnung, wie sie die Zukunft ihres Landes gestalten können

Eine Forschungsreise brachte uns zu dieser Erkenntnis. Von Ende Februar an reisten wir sechs Wochen, gefördert durch die Stiftung Mercator und die Heinrich-Böll-Stiftung, durch 14 europäische Länder auf den Spuren unserer Generation. Unser Ziel: Die Lebensumständen und Perspektiven junger Europäerinnen und Europäer zwischen 18 und 36 Jahren kennen zu lernen. Was wir in den folgenden Wochen und nach hunderten von Gesprächen herausgefunden haben, stimmt uns nachdenklich.

Unser Fazit: Die Jugend Europas wird über Länder hinweg durch eine tiefsitzende Sorge um die Zukunft geeint. Ob in Schweden, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Bulgarien, Polen oder der Ukraine: Die Zukunft erscheint uns Jungen ungewiss, die Gegenwart zugleich unbeeinflussbar. Folglich macht sich in unserer Generation ein kollektives Gefühl der Rat- und auch Hilflosigkeit breit. Länderübergreifend. Aber dieses Fazit ist nur die halbe Wahrheit. Wir haben auch entdecken müssen, dass viele junge Europäerinnen und Europäer schlichtweg keinerlei Ahnung haben, wie sie selber einen positiven Einfluss auf ihr eigenes Leben, die Zukunft ihres Landes oder des Kontinents nehmen können. Hier mangelt es ihnen an Erfahrungswerten, aber auch an der Bereitschaft sich diese selbst anzueignen.

Quer durch die gesellschaftliche Bank herrscht wenig Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, Potentiale und Netzwerke. Es folgt der Rückzug ins Private, weg von so dringend benötigter aktiver gesellschaftlicher oder politischer Gestaltung. Wer trägt dafür Schuld? Die Politik, die Krise, der Kapitalismus? Sicherlich ein Cocktail aus all dem, aber auch der bitteren Erkenntnis, dass unsere Generation grundsätzlich gerne vor langfristiger Verantwortungen fernbleibt. Ob im privaten oder auch politischen. Verantwortung zu übernehmen und sie länger als einen Facebook-Like zu tragen, fällt uns Jungen erschreckend schwer. Die Schuld dafür geben wir gerne den anderen. Aber mit dieser Einstellung geht nicht nur unseren Gesellschaften eine wichtige Ressource verloren, sondern es beeinträchtigt in negativer Weise auch die Entwicklung der europäischen Idee.

Für junge Menschen ist die EU ein Randthema

Eine Idee, welche aktuell nicht hoch im Kurs steht. Für junge Menschen ist die EU ein Randthema auf der Lebensagenda. Das können wir auch auf Basis unserer Gespräche bestätigen. Die Europawahl wird als überwiegend irrelevant wahrgenommen, nationale Themen und Interessen dominieren den Diskurs. Doch gleichzeitig lebt die junge Generation Europas bereits ein Leben, das als wahrhaft europäisch bezeichnet werden kann. Es wird gereist, im Ausland gearbeitet und studiert, Freundschaften über Ländergrenzen hinweg gepflegt. Doch junge Menschen bringen diese Privilegien nur selten in Verbindung mit den europäischen Institutionen. Eine paradoxe und zu gleich kritische Situation! Vorzüge und Geld aus Brüssel, gerne ja, Dankbarkeit und Engagement, bitte nein! Die all zu selbstverständlich wahrgenommen Privilegien stehen in Gefahr Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Da kommt die Frage auf, sind wir Jungen bereit uns für die europäische Idee und ihre Vorzüge wirklich einzusetzen?

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