Angeklagte Forscher : Ungewissheiten ertragen - und besser bewerten können

Weil sie nicht vor dem verheerenden Beben in L'Aquila warnten, wurden mehrere Seismologen verurteilt. Das ist symptomatisch für den gesellschaftlichen Umgang mit Risiken.

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Überall Gefahren. Weil viele so wenig von Statistik verstehen, werden Risiken oft falsch eingeschätzt.
Überall Gefahren. Weil viele so wenig von Statistik verstehen, werden Risiken oft falsch eingeschätzt.Foto: p-a

Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismografen ein, notierte der Schriftsteller Ernst Jünger 1949 in seinem Tagebuch. Genau so mutet das drakonische Urteil an, das italienische Richter gegen Erdbebenforscher gefällt haben. Sieben Experten wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie 2009 nicht ausreichend vor dem verheerenden Beben in L’Aquila in den Abruzzen gewarnt hatten. Das erscheint auf den ersten Blick grotesk, ist es aber bei genauem Hinsehen nicht. Denn die Fachleute wurden verurteilt, weil sie die Bewohner des Ortes in falscher Sicherheit wiegten, statt, wie es wissenschaftlich geboten gewesen wäre, zur Vorsicht zu mahnen. Dann wären sie vermutlich nicht belangt worden.

Zunehmend ersetzen Wissenschaftler traditionelle gesellschaftliche Autoritäten wie den Priester oder den Politiker. Man denke an die Klimaforscher, deren Prognosen bis weit in die Zukunft weisen und ein gesamtgesellschaftliches Umsteuern nahelegen. Umso schlimmer, wenn Wissenschaftler dann gegen ein Grundgesetz ihrer Disziplin verstoßen. Die Seismologen von L’Aquila täuschten Sicherheit vor, wo es keine gab. „Ihr habt nichts zu befürchten“, war das Motto ihrer Beschwichtigungen.

Das verweist zugleich darauf, wie zentral der Begriff des Risikos für die Moderne ist. Die unmittelbaren Gefahren, die Menschen früherer Epochen bedrohten – Raubtiere, Hungersnöte, Epidemien, Feuersbrünste – sind in weiten Teilen der Industriegesellschaft überstanden. An deren Stelle ist das Risiko getreten und mit ihm so unverständliche Dinge wie Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten.

Der Fortschritt, mehr Wohlstand, Bildung und Gesundheit, dazu eine stetig steigende Lebenserwartung, alles das hat seinen Preis: die Gewissheit. Wirklich gewiss sind nur noch die Steuern und der Tod, ansonsten muss sich jeder auf Unwägbarkeiten und Zufälle einrichten. Das beunruhigt, denn eigentlich ist der Mensch daran gewöhnt, in klaren Zusammenhängen zu denken. Aus A folgt B, eine Sache hat eine Ursache, ein Verbrechen einen Täter.

Ganz in diese Richtung geht ein weiteres Gerichtsurteil, das dieser Tage ebenfalls in Italien gefällt wurde. Das höchste Zivilgericht des Landes gab einem Mann recht, der seinen Nerventumor auf häufiges Mobiltelefonieren zurückgeführt hatte. Endlich ist der vermeintliche Übeltäter entlarvt, ein Schuldiger gefunden. Dass es keinen stichhaltigen wissenschaftlichen Beleg für diese Annahme gab, kümmerte die Richter nicht.

So gut es geht, richten wir uns in der Welt der Ungewissheiten ein. Es ist eine Welt, in der es von Verschwörungen und verborgenen Risiken nur so zu wimmeln scheint. Der moderne Mensch sieht sich von Konzernen und Organisationen bedroht, das Essen, die Luft und die Kleidung sind kontaminiert. Natürlich, nicht alle dieser Befürchtungen sind die Folge unseres ziellos gewordenen Instinkts für Gefahren. Es gibt gute Gründe zur Wachsamkeit. Aber wer sich vor unsichtbaren Pestizidspuren in Tomaten fürchtet, sollte nicht vergessen, dass das viel größere und offenkundige Problem unserer Ernährung darin besteht, zu viel, zu fettig und zu fleischhaltig zu essen. Ein Tomatenbrot mit Pestizidspuren ist immer noch gesünder als eine Currywurst mit Pommes.

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer empfiehlt einen entspannten Umgang mit Risiken. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch in sich, aber es gibt einen Weg, ihn aufzulösen. Gigerenzer plädiert dafür, dass schon in der Schule Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung mehr als bisher gelehrt und gelernt werden. Die Mathematik der Ungewissheit also. Ein Bürger, der im Umgang mit Prozenten und Prognosen bewandert ist, ist ein mündiger Bürger. Er kann wissenschaftlichen und sonstigen Vorhersagen auf den Grund gehen, setzt eher auf gesunde Skepsis als auf einfache Lösungen oder Verschwörungstheorien. Er wird berücksichtigen, dass Vorhersagen unsicher sind – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Vielleicht hätte er auch nachgefragt, als die Forscher die Bürger von L’Aquila in falscher Sicherheit wiegten.

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