Meinung : Angekündigter Bürgerkrieg

Die Terroristen im Irak wollen Schiiten und Sunniten gegeneinander aufhetzen

Clemens Wergin

Die Antwort kam postwendend. Einen Tag nachdem sich der irakische Regierungsrat einstimmig auf eine Übergangsverfassung geeinigt hatte, versuchen Terroristen einen Keil zwischen die Volksgruppen zu treiben. Die verheerenden Anschläge in Bagdad und Kerbela waren die schlimmsten seit Kriegsende. Sie galten der schiitischen Religionsgemeinschaft. Und die Attentäter zeigten, dass ihnen gar nichts heilig ist: Sie nutzten das Aschura-Fest der Schiiten, an dem riesige Menschenmassen des Märtyrertodes ihres Imams Hussein gedenken, um möglichst viele Gläubige mit in den Tod zu reißen. Auch wenn das Ausmaß dieser Anschläge schockiert – dass sie kommen würden war so überraschend nicht.

Als die Amerikaner Anfang Februar eine Terrorzelle in Bagdad aushoben, fanden sie dort so etwas wie die Blaupause für die gestrigen Anschläge. Es war ein auf einem Computer gespeichertes 17-seitiges Strategiepapier, dass vermutlich vom Al-Qaida-Mann Abu Mussab al Zarqawi stammte. Es kündigte genau das an, was jetzt in Bagdad und Kerbela grausame Wirklichkeit wurde: Anschläge auf Schiiten. Ihr Ziel: Einen Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten zu entfachen. Die Schiiten sollen zu blutigen Reaktionen gegen Sunniten herausgefordert werden. Das würde, so hoffen die Terroristen, die Sunniten zum Aufstand gegen die Besatzungsmächte bewegen. Das Chaos wäre perfekt.

So abstoßend das nihilistische Kalkül der Attentäter auch ist, so zeigt es doch auch, wie verzweifelt die Extremisten inzwischen sind. Wer solche Mittel einsetzt, glaubt selbst nicht mehr daran, eine Mehrheit der Iraker für die eigenen Ziele begeistern zu können. Mehr als Chaos und Zerstörung haben die Extremisten nicht anzubieten.

Dennoch stellt der Anschlag einen Erfolg für die Terrorgruppen dar. Es ist schon erstaunlich, dass sie über so viele todesbereite Attentäter, aber auch über die Planungskapazitäten verfügten, um eine generalstabsmäßig koordinierte Aktion wie die gestrige durchzuführen. Am Dienstagnachmittag war von neun Selbstmordattentätern die Rede, die sich allein in Kerbela in die Luft sprengten. In Bagdad waren es wohl weitere vier. Es ist die Überwältigungsstrategie von Al Qaida, die hier abermals aufscheint.

Doch trotz der tödlichen Effizienz der Anschläge werden die Extremisten ihr Ziel wohl nicht erreichen. Dazu ist ihr Kalkül zu offensichtlich. Zumal die Zeichen eher auf Versöhnung stehen. Das beweist die Einigung der ethnischen und religiösen Gruppen auf eine neue Verfassung ebenso wie die in den letzten Tagen von mehreren sunnitischen Geistlichen veröffentlichte Fatwa, die Anschläge gegen Iraker jeglicher Konfession verurteilt. Das Wichtigste ist jetzt, dass die Schiiten kühlen Kopf bewahren und sich nicht zu Vergeltungsakten hinreißen lassen – gegen wen auch immer.

Die Anschläge von gestern zeigen, mit welch ideologischer Verblendung islamistische Terroristen selbst andere Muslime ermorden. Dafür brauchen sie nicht einmal westliche Besatzer als Vorwand, wie der Anschlag im pakistanischen Quetta zeigt, der ebenfalls gegen Schiiten gerichtet war und dem bisher fast 50 Menschen zum Opfer fielen. Die Iraker haben gestern in den Abgrund eines möglichen blutigen Bürgerkriegs geschaut. Diesen zu verhindern hängt vor allem von ihnen selbst ab.

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