Meinung : Angela Merkel: Die beste Chefin, die die CDU hat

Stephan-Andreas Casdorff

Ein paar Urteile der letzten Tage über Angela Merkel gefällig? Es folgt eine Zusammenstellung dessen, was so zu hören war, nicht aus der SPD, sondern aus der CDU, ihrer eigenen Partei: Sie kann es nicht, immer noch nicht. Ihr fehlt das Handwerkszeug zur Parteichefin. Sie ist intrigant, räumt früher oder später jeden ihrer Förderer beiseite, auch jeden, der ihr widerspricht. Ihr fehlt das Gespür für die Partei. Sie denkt zu viel an sich. Ihr geht das Christdemokratische ab, sie ist zu viel Naturwissenschaftlerin. Sie lässt sich nicht beraten.

Wo so geredet wird, ist die Lage ernst. Herolde ihres Unvermögens sind unterwegs. Diese Kampagne läuft: Ein anderer soll es machen. Eine Lösung wird gesucht, weil in der Partei das Unbehagen über den einstigen Darling um sich greift: Gestern noch von der überwältigenden Mehrheit geliebt, heute schon von einer qualifizierten Minderheit verdammt. Doch einerlei, welche Vorwürfe zutreffen, es ist Wahlkampf, und in diesen Zeiten wird manches einfach: Wer jetzt in der Partei gegen Merkel Stimmung macht, macht für Öffentlichkeit und politischen Gegener unweigerlich Stimmung gegen die ganze CDU.

Das kann sich eine starke Opposition schon nicht leisten - eine schwache erst recht nicht. Ein Jahr vor der Wahl ist Merkels Absetzung als Bundesvorsitzende keine Lösung, ihre Entmachtung auch nicht. Für wen denn auch? Friedrich Merz, der Fraktionschef im Bundestag, ersetzt in Krisensituationen Autorität durch autoritäres Reden. Jürgen Rüttgers, der Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, wird von Jürgen Möllemann in zugespitzen Situationen zum Oppositionsführer zweiter Klasse degradiert. Christian Wulff, Fraktionschef im Hannoverschen Landtag, muss sich nach Umfragen auf seine dritte Niederlage in Folge vorbereiten. Und Volker Rühe ist - ja, wo ist er gerade?

Gefährlich werden könnten Merkel überhaupt nur Peter Müller, der Regierungschef im Saarland, und sein Kollege in Wiesbaden, Roland Koch. Beide aber sind interessanter Weise loyal, Müller aus inhaltlich Gründen, Koch aus taktischen. Er will noch abwarten.

Das ist Merkels Chance, wieder eine. Denn nicht nur die CDU hat programmatische Schwächen, Rot-Grün hat sie auch. Die SPD hat die Programmdebatte an Rudolf Scharping delegiert, und der garantiert für langsam wachsendes Holz. Bei den Grünen hat Präsident Joschka Fischer nun eben noch einmal sein Veto eingelegt, und sie fangen noch einmal an. Da kann Merkel zumindest versuchen, etwas gegen ihre gerade überall als ziemlich dramatisch empfundene inhaltliche Unschärfe zu tun.

Sagen wir so: Bisher tuscht Merkel nur am Bild der CDU herum, kräftige Striche fehlen. Sie wollte sie bisher auch nicht. Wer deutlich wird, wird auch auffällig. Das liegt ihr nicht, schon gar nicht nach ihrer Sozialisation in der DDR und in der Regentschaft Helmut Kohls. So erklärt sich, dass Merkel inhaltlich schwach konturiert wirkt, nur machtpolitisch überkonturiert. Das muss sich ändern. Das kann sich aber noch ändern. Dafür reicht ein Jahr. Wenn sie will.

Bisher ist es so: Wann immer sie inhaltlich etwas markantes geleistet hat, unterlief ihr hernach ein Fehler. Die familienpolitischen Vorstellungen wurden überlagert von der Steuerschlappe, das Zuwanderungskonzept von der Kiep-Million, die Rentenoffensive von der missglückten Rentenkampagne. Wenn Angela Merkel ruhig mit Argumenten überzeugen will, haut Laurenz Meyer drauf, gleichzeitig, aber unabgesprochen. Das wirkt nicht strategisch, sondern nur uneinheitlich. Wie es gehen könnte, hat mit kleinen Interventionen zur rechten Zeit - in der "Stolz-Debatte" mit Jürgen Trittin, zu Schwarz-Grün, zu ihrer Unterstützung - bis in die letzten Tage Heiner Geißler gezeigt. Was bedeutet: Es fehlt ihr ein junger Geißler.

Sie kann es nicht, ihr fehlt das Handwerkszeug? So stellt sich der CDU die Lage dar: Es ist nicht die Zeit, Merkel das Handwerk zu legen. Es ist aber noch Zeit, einen zu finden, der es sie lehrt. Nur Helmut Kohl darf er nicht heißen.

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