Meinung : Angst vor dem freien Radikalen

Simone von Stosch

War da was? Nach der Krisensitzung der österreichischen FPÖ haben sich alle wieder lieb. Jörg Haider und Fraktionschef Westenthaler geben im österreichischen Fernsehen die guten Kumpel, Parteichefin Riess-Passer erklärt den Streit für beendet:"So was wird es bei uns nicht mehr geben."

Da war doch was. Viel, wenn nicht alles stand auf dem Spiel. Mit dem Rückzug aus der Bundespolitik hatte Jörg Haider gedroht, mit Abspaltung gar nach dem Modell der bayerischen CSU. Das wiederum, so prognostizieren die Meinungsforscher, würde mindestens die Hälfte der Wählerstimmen kosten - hätte also den rasanten Fall der FPÖ zur Folge. Den Parteifreunden in Wien jagte der Kärtner mit seinen Drohungen einen tüchtigen Schreck ein. Wieder mal beugte sich die Partei ihrem heimlichen Chef, um Schlimmeres abzuwenden.

Scheinbar. Für die Wiener Parteispitze, gezähmt durchs Regieren, ist Jörg Haider, der auch nach dem Rücktritt vom Parteivorsitz den Chef gibt, zu einem unberechenbaren Sprengsatz geworden. Erst im Dezember hätte der Kärntner mit seinem Referendum gegen Temelin und den EU-Beitritt Tschechiens die Koalition beinahe zum Platzen gebracht. Dann der Händedruck mit Iraks Diktator Saddam Hussein ausgerechnet zu der Zeit, als Parteichefin Riess-Passer nach Washington aufbrach, um mit der Bush-Regierung über internationale Sanktionen gegen den Irak zu beraten. Deutlicher konnte sich nicht zeigen, dass hier eine Partei zugleich Fundamentalopposition und das Regieren probt. Das Ganze wirkt ziemlich hilflos, nicht professionell.

Die FPÖ hatte die Wahl zwischen zwei Übeln. Das erste: Haider geht und nimmt sein Charisma mit. Wenig bliebe dann übrig von den Rechtspopulisten, deren Aufstieg vor kurzem noch unaufhaltbar schien. Das zweite: Haider bleibt - und bleibt sich selber treu. Die FPÖ hat sich gegen die Spaltung und für Haider entschieden. Die nächste Krise ist damit nur eine Frage der Zeit, der Selbstzerfleischungsprozess geht weiter.

Da war doch noch was. Die warnenden Stimmen aus der EU, die Sanktionspolitik, die heraufbeschworenen Gefahren. Im Nachhinein gesehen: alles ziemlich übertrieben. Die FPÖ probt nicht den Durchmarsch, im Gegenteil: Sie hat sich durchs Regieren selbst entzaubert - und zwar schneller, als selbst die Optimisten glauben mochten. Was bleibt, ist ein farbloses Grüppchen am rechten Rand und ein einsamer Querschießer: Jörg Haider. Der könnte schon gefährlich werden, hat aber mittlerweile ein entscheidendes Problem: Ihm fehlt die passende Partei.

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