Meinung : Angst vor zu viel Freiheit

Der Staat darf den Islamunterricht weder den Falschen noch sich selbst übertragen

Clemens Wergin

Jetzt will sogar das konservative Baden-Württemberg an Modellschulen staatlich kontrollierten Islamunterricht erteilen. Spät haben Deutschlands Politiker erkannt, dass sie sich nicht weiter mit Verfahrenstricks um die Frage herumdrücken können.

Lange hatten sie sich hinter dem Argument verschanzt, es fehle, anders als bei den christlichen Kirchen oder dem Zentralrat der Juden, ein Ansprechpartner auf muslimischer Seite; der Islam sei in konfessionelle und ethnische Gruppen zersplittert. Dem haben die Gerichte ein Ende bereitet, in Berlin erzwangen sie den Zugang der Islamischen Föderation zu den Schulen. Außerdem hat nach dem 11. September ein Umdenken eingesetzt. Die Gesellschaft konnte nicht weiter zuschauen, wie Teile der muslimischen Gemeinde von islamistischen Botschaften erfasst werden. Die deutsche Lebenslüge, keine Einwanderergesellschaft zu sein, hatte eben auch zur Folge, dass wir die restaurativen, auf sich selbst bezogenen Tendenzen unter Muslimen lange ignoriert haben.

Wie immer, wenn sich der Föderalismus eines Problems annimmt, gibt es jetzt nicht nur eine, sondern viele Lösungen. Die Extreme sind einerseits Berlin, wo die Islamische Föderation den Unterrichtsstoff autonom auswählen kann. Und auf der anderen Seite die staatlich organisierte „islamische Unterweisung“ in Bayern und Nordrhein-Westfalen, eine Art Sachkundeunterricht über den Islam, in dem keine Glaubensüberzeugungen vermittelt werden sollen.

Islamunterricht an Schulen ist eine Gratwanderung. Einerseits ist es nicht Aufgabe des aufgeklärten, säkularen Staates, religiöse Inhalte zu vermitteln. Andererseits kann er nicht zulassen, dass in Kirchen, Synagogen oder Moscheen unterrichtete Lehren seine Fundamente untergraben. Mehr noch, der Staat ist auf die Mithilfe der Religionen angewiesen zur „sittlich-moralischen Bildung seiner Bürger“, wie man in der Aufklärung sagte. In zeitgemäßere Worte hat das der ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde gekleidet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Der Staat kann also die Inhalte religiöser Erziehung nicht vorgeben. Er kann andererseits aber auch nicht zulassen, dass in Teilen der Gesellschaft Werte vermittelt werden, die den Grundsätzen des freiheitlichen Rechtsstaates widersprechen. Dieses Dilemma tritt bei den christlichen Konfessionen weniger deutlich zutage. Weil die ihren Frieden geschlossen haben mit der Moderne. Und weil der Staat in den meisten Bundesländern eine Qualitätskontrolle bei der Ausbildung von Religionslehrern ausübt. Das ist im Vergleich mit den großen westlichen Demokratien Frankreich und USA ein deutscher Sonderweg. Aber bisher hat er funktioniert. Ob sich das auf den Islam übertragen lässt, muss sich jetzt zeigen.

Mehr staatliches Eingreifen oder mehr Freiheit – nach dem richtigen Mischungsverhältnis suchen die Länder noch. Es ist klar, dass eine relativ unkontrollierte Situation wie die in Berlin nicht akzeptabel ist. Länder hingegen, die sich nicht um einen breiten Konsens mit muslimischen Gruppen bemühen, riskieren, dass ihr Islamunterricht von manchen Muslimen boykottiert wird, weil er zu sehr von etablierten Interpretationen abweicht.

Von allen Vorschlägen scheint der aus Stuttgart am überzeugendsten zu sein. Weil er auf die Bedürfnisse muslimischer Eltern eingeht, dass ihren Kindern der Glaube nahe gebracht und nicht vergällt wird. Und er entspricht am ehesten dem, was durch den katholischen und protestantischen Religionsunterricht vorgeprägt wurde. Das heißt aber auch, dass dafür gesorgt werden muss, dass an Hochschulen Studiengänge für muslimische Religionslehrer angeboten werden.

Es ist richtig, dass der Staat jetzt genauer hinsieht, welche Werte Muslimen in Deutschland vermittelt werden. Einmal aufgewacht, muss er jetzt aber das richtige Maß finden. Sonst gerät er in Gefahr, dem Islam die ganze Identität austreiben zu wollen.

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