Anhalter Bahnhof : Schweigen für die Disco

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Die Bässe wummern, die Lichter flackern, die Körper zucken. Eine Clubnacht in Berlin – die Stimmung ist gut, die Drinks auch. Doch was ist das jetzt? Abrupt stoppt die Musik, die Deckenbeleuchtung geht an. Es folgen fünf Minuten Stille.

Dieses Szenario wird sich am Samstag um 23.55 Uhr in vielen deutschen Clubs abspielen. Die Idee dazu stammt vom Bundesverband der Deutschen Discotheken und Tanzbetriebe. Er will mit der Aktion gegen die Reform der Gema-Gebühren ab 2013 protestieren. Danach sollen nur noch zwei statt bisher elf Tarife gelten. Die Abgaben werden nach der Raumgröße der Veranstaltung, ihrer Dauer sowie der Höhe des Eintrittspreises berechnet. Die Clubszene befürchtet dadurch eine Gebührenerhöhung von 400 bis 600 Prozent und sieht sich in ihrer Existenz bedroht. Am Montag machte sie vor dem Berliner Frannz Club Rabatz, wo sich Gema-Vertreter trafen. Jetzt soll also Ruhe helfen.

Schweigen für die Party. Stillstehen für die Disco. Solidarische Gefühle mit den geschundenen Clubbesitzern aufbauen, die in Zukunft zehn Prozent ihrer Eintrittsgelder an die Rechteverwerter abgeben sollen. Klingt eigentlich gar nicht so übertrieben, ohne Musik wäre ja schließlich nichts los auf dem Dancefloor. Und kleinere Läden werden von der Umstellung ja sogar profitieren. Bevor die Gäste zu lange über solche Dinge nachdenken können, sollten die DJs schnell den nächsten Song spielen.

Hauptsache, die Stimmung gegen die Gema köchelt weiter. Der als antiquiert und unflexibel verschrieene Verein kann im Moment machen, was er will, ein Shitstorm ist ihm sicher. Aber kaum startet er mal eine Reform, deren Ziele mehr Transparenz und Ausgewogenheit sind, ist es auch wieder nicht recht. Dass ein Clubsterben den Interessen der Gema zuwiderläuft, gerät dabei ebenso aus dem Blick wie die durchaus kritikwürdigen Strukturen der Verwertungsgesellschaft. Dass ihr Ausschüttungsverfahren auf teils absurde Weise die gut verdienenden Stars bevorzugt, treibt niemanden auf die Straße. Denn das ist ja auch unangenehm komplex und verwickelt. Dann schon lieber plakativer „Fünf-vor- zwölf“-Protest. Stephan Büttner, Geschäftsführer des Verbandes der Discotheken und Tanzbetriebe, spricht sogar von einem „gesellschaftspolitischen Problem“: Wenn hunderttausende Feierwütige nach Gema-bedingten Clubschließungen auf der Straße landeten, drohten Alkoholexzesse, Hausfriedensbrüche und Sachbeschädigungen. Das muss natürlich verhindert werden!

Blöd für die Schweigeminuten- Aktion ist nur, dass Clubs wie Berghain oder Watergate um zwölf Uhr überhaupt erst öffnen. Und die coolsten Nachtvögel stecken um diese Zeit mitten in der Schmink- und Vorglüh-Phase. Als Protestzeichen könnten sie die Kajalstifte für fünf Minuten weglegen und die Getränke leise auf dem Bierdeckel abstellen. Nadine Lange

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