Ansehen der Wirtschaft : Zurück zu Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen

Muss das Fressen in der Wirtschaft wirklich immer vor der Moral kommen? Erste Stimmen fordern eine Renaissance der Tugenden des ehrbaren Kaufmanns.

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Der alte Buddenbrook (hier ein Bild aus der Verfilmung mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle) gilt als Symbol für den prosperierenden, aber ehrbaren Kaufmann. Doch auch in Thomas Manns Roman läuft so manches Geschäft aus dem Ruder.
Der alte Buddenbrook (hier ein Bild aus der Verfilmung mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle) gilt als Symbol für den...Foto: p-a

Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, sagt der Volksmund. Aber es gab schon immer Zeitgenossen, die auf einem dicken Geldsack besser schliefen als auf guten Vorsätzen. Nun kann man auch reinen Herzens reich sein, die Unruhe in der Welt rührt jedoch eher von jenen, die nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ihre Mitmenschen über den Tisch ziehen. Das Nachdenken, ob immer das Fressen vor der Moral kommen muss, erfasst weit über Kirchentage hinaus die Bürger angesichts von Politikern, die dem Nepotismus frönen. Es macht auch vor Unternehmern nicht halt, die sich um das Ansehen ihres Standes sorgen.


Einer von ihnen, der 70-jährige Michael Otto, hat in Hamburg jetzt zu einer Renaissance der Tugenden des ehrbaren Kaufmanns aufgerufen. Er fordert, dass gerade im Blick auf die weltweiten Krisen seit 2008 Eigenschaften wie Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen wiederentdeckt, oder, besser: neu belebt werden müssten. Die Ereignisse in der Welt der Finanzen und der Ökonomie haben den Blick dafür geschärft, dass verantwortungsloses Handeln und Gier Millionen Menschen und ganze Staaten an den Rand des Abgrunds bringen können. Behaupte niemand, dass die alten Kaufmannstugenden in Zeiten der Globalisierung leider nicht mehr zu halten seien. Sie entstanden ja gerade im Mittelalter mit dem Aufkommen des europäischen Fernhandels, der ohne das Vertrauen auf die Seriosität des Geschäftspartners gar nicht möglich gewesen wäre.
Betriebswirte an der Berliner Humboldtuniversität haben vor 20 Jahren erstaunt festgestellt, dass es den Begriff des ehrbaren Kaufmanns zwar in alten Erzählungen gab, dass dessen Tugenden aber in den betriebswirtschaftlichen Seminaren keine Rolle mehr spielten. Das Fach „Anstand“ fand im Lehrplan nicht mehr statt. Es sei die nach Europa überschwappende angelsächsische Schule der Gewinnmaximierung gewesen, die die antiquierte Verantwortungsethik und die Moral aus dem Geschäftsleben vertrieb, wurde entschuldigend konstatiert. Und angestellte Manager seien nun einmal, durch fette Boni geködert, leichter zu anrüchigen Geschäften verführbar als eigenverantwortliche Firmeneigner. Das klingt gar zu bequem. Immerhin war es der amerikanische Rigorismus, der der deutschen Industrie im weltweiten Geschäft das Akquirieren mit Schmiergeldern austrieb. Und um seinen guten Ruf kann man auch besorgt sein, wenn man bei einer Firma auf der Gehaltsliste steht und nicht Eigentümer ist.
Nein, eigentlich wissen wir ganz genau, um was es geht. Nicht umsonst stehen jene demokratisch und rechtsstaatlich organisierten Länder, die frei von Korruption und großer sozialer Ungleichheit sind, weit oben auf der Liste des internationalen Ansehens. Dort leben zu können, wo „Good Governance“ in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft tragende Prinzipien sind, wünschen sich die meisten Menschen.
Es ist durchaus hilfreich, wenn ein Kirchentag an die Voraussetzungen dafür erinnert und sie anmahnt. Wem das zu religiös grundiert ist, der kann ja einfach in Thomas Manns großem Gesellschaftsroman aus dem Lübeck des 19. Jahrhunderts nachlesen. Da sagt der alte Johann Buddenbrook zu seinem Junior Jean: „Mein Sohn, sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht gut schlafen können.“

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