Meinung : Anti-68er-Kampagne: Springer greift an - sich selbst

Hellmuth Karasek

Wer allzu blindwütig in der Vergangenheit gräbt, um fremde Leichen im Keller zu finden, stößt leicht auf Skelette der eigenen Taten. Das ist schon das Thema der uralten Tragödie Ödipus: Wer andern eine Grube gräbt, findet darin die eigene Schuld. Diese Erfahrung macht zurzeit das mächtigste deutsche Zeitungsimperium, der Springer-Konzern: Er rief die Geister von 68 und wird sie nun nicht mehr los. Dabei hatte kürzlich alles so viel versprechend angefangen. Das junge Team um den designierten Konzernchef Mathias Döpfner wollte die "Welt" und damit auch die Weltsicht der Springer-Massenblätter liberal öffnen. Neue Engagements neuer unverbrauchter Journalisten, die man aus allen anderen Lagern holte, versprachen ein breites Meinungsspektrum, offen für die Bedürfnisse einer neuen Mitte.

Selbst die Boulevard-Kampagnen der Straßenblätter wurden toleranter, wenn auch vielleicht klebriger, wenn man in den mütterlichen Bauch von Jenny Elvers blickte oder den Weg von Beckers Ergüssen verfolgte: Es war ja nur der Firlefanz der Spaßgesellschaft, der sich hier austobte. Das konnte auch der Leser mit empfindlichen Geschmacksnerven lächelnd beiseite schieben. Selbst als die Affäre um den Außenminister Fischer begann, hielt "Bild" noch einen gemäßigten Kurs. Peter Boenisch, 1968 auf der anderen Seite der Barrikade, mahnte zu Besonnenheit und Frieden. Doch dann brachen alle Dämme - als ob man meinte, die neue Vergangenheitsbewältigung zur Austilgung von Kohls schwarzen Kassen instrumentalisieren zu können.

Die Folgen sind verheerend für den neuen Kronprinzen Döpfner. Das Engagement Wolf Biermanns als "Welt"-Korrespondent produzierte unausweichlich einen Rohrkrepierer. Biermann, der eitel, selbstbewusst seine alten Verse nicht widerrufen wollte, konstatierte ausgerechnet bei Springer, dass "Bild" bei Dutschke zuerst "geschossen" habe: eine polemische Zuspitzung, die damals die Anti-Springer-Revolution beflügelte.

Doch es kam noch schlimmer. In der verstörten Konzernspitze beim aufgeregten Chefredakteur Kai Diekmann müssen sämtliche Sicherungen durchgebrannt sein, als man das Bild einer damaligen Demonstration mit Trittin plump propagandistisch missdeutete: Es war wie im Kalten Krieg. - Nun stehen die Zeitungen, die die rot-grünen Minister-Westen bekleckern wollten, selbst ziemlich beschmutzt da. Und schon verlassen einige der neu engagierten Liberalen das eben erst flott gemachte Schiff, als ob es schon wieder sänke.

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