Antisemitismus : Der Papst und die Protestantin

Die Protestantin Angela Merkel fordert vom Papst Klarheit - wie die Kanzlerin immer Klarheit fordert, wenn bereits alles klar ist. Aber wie soll das aussehen? Der Holocaust wird überall auf der Welt geleugnet - etwa von Horst Mahler und Mahmud Ahmadinedschad. Ersterer wird in Deutschland verurteilt, mit Ahmadinedschad macht Deutschland gern Geschäfte.

Moritz Schuller

Plötzlich ist sie da, die mutige Protestantin, und hämmert ihre These laut in die Öffentlichkeit. Angela Merkel will endlich Klarheit. Dass sie die Neunundneunzigste ist, die dem Papst in Rom die Stirn bietet, dass Hans Küng vor ihr sogar den Rücktritt des Papstes gefordert hatte, zeigt ihren Mut: Merkel fordert gern Klarheit, wenn alles klar ist. Und natürlich herrscht Klarheit, wenn der „Spiegel“ am Tag zuvor mit dem Titel „Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche“ erschienen ist. Martin Luther hatte seine Thesen jedenfalls nicht aus dem „Wittenberger Tageblatt“ abgeschrieben.

Angela Merkel fordert von Papst Benedikt XVI. Klarheit, weil er einer kleinen Gruppe fundamentalistischer Katholiken, von denen einer den Holocaust leugnet, den Weg zurück in die Kirche öffnen will. Die Königin der Klarstellung verlangt also Klarheit über die Politik des Vatikans. Dass sie, die beim ersten Leipziger Konzil der CDU noch die Hymnen der konservativen Lefebvristen gesungen hat und nun offenbar die gesamte Marktwirtschaft exkommuniziert, dass sie, die sich seit Jahren weigert, irgendjemandem ihre politischen Ziele und Absichten zu beichten, dass sie nun Klarheit fordert, ist überraschend. Klarheit gehörte bisher nicht zum eigenen Repertoire der Kanzlerin.

Aber noch kühner ist ihr Eindruck, sie müsse sich, als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, vom Papst distanzieren, als ob Benedikt der rechtskonservative Direktkandidat der CDU aus Fulda oder der Leiter des Goethe-Instituts in Rom sei. Sich einzumischen, wenn es etwas kostet, und sei es auch nur, dass die ehemalige Umweltministerin Klarheit bei dem auf merkwürdige Art gescheiterten Umweltgesetzbuch schafft, das darf man von ihr erwarten. Wenn sie bereits alle ihre Aufgaben erledigt hätte, dann sähe man es ihr nach, dass sie innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten anfinge, was, wie sie selbst sagt, normalerweise nicht ihre Aufgabe sei.

Vor allem ist kaum zu erkennen, wie der Papst den Wunsch der Kanzlerin überhaupt erfüllen könnte. Merkel sagt, Papst und Vatikan müssten „eindeutig klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf“. Der Holocaust wird überall auf der Welt geleugnet, immer wieder, heutzutage vor allem von Horst Mahler und Mahmud Ahmadinedschad. Mahler wird dafür in Deutschland verurteilt, mit Ahmadinedschad macht Deutschland gern Geschäfte. Es ist in den meisten Ländern der Welt auch gar nicht verboten, den Holocaust zu leugnen.

Was Merkel offenbar vom Papst verlangt, ist, dass es innerhalb der katholischen Kirche keine Leugnung des Holocaust geben darf; dass jemand, der den Holocaust leugnet, nicht in der katholischen Kirche sein darf. Als Protestantin fordert Merkel das? Als Kanzlerin der Deutschen, und damit auch des Papstes? Das Erstaunliche ist nicht, dass nun auch Merkel wohlfeil Kritik am Papst übt. Sondern dass sich ihre Haltung aus dem absurden Gefühl der Deutschen speist, dass sie das Copyright auf den Umgang der Welt mit dem Holocaust besitzen.

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