Antrittsrede des Bundespräsidenten : Joachim Gauck, der Mutmacher

Von wegen Ein-Themen-Präsident. Joachim Gauck hat viele Themen angetippt, ohne grundsätzlich zu werden. Und das ist auch gut so, weil sein Wertekompass eindeutig ist. Das wird eine Herausforderung für alle. Zum Glück.

von
Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Joachim Gauck - so viel hat seine erste Rede gezeigt - ist auf jeden Fall kein Sturkopf. Keiner, der sich einem einzigen Thema verschrieben hat und seinen Blick nicht nach links und rechts oder auch oben und unten wenden kann. Es war ein kleiner Parforceritt durch die jüngere deutsche Geschichte - von der Nachkriegszeit, den 68ern, der Einheit ins Heute. Dort angekommen hat er ein klares Bekenntnis zu Europa abgelegt - beinahe erfrischend klar, bei aller Verdruckstheit, die sich die handelnden politischen Akteure auferlegt haben in den Zeiten der Krise. Denn wann hat man zuletzt von einer Angela Merkel Worte gehört wie "Mehr Europa wagen". Damit hat Gauck den Spielraum, den er hat, ein erstes Mal genutzt. Denn er hat eine Last nicht - vom Volk gewählt zu sein. Er muss nicht auf Stimmungen im Volk schauen, um gewählt zu werden, er muss auf Stimmungen im Volk schauen, um agieren zu können - mit seinem Wort. Das hat er getan.

Die Vereidigung Gaucks im Video:

Auch seine Kampfansage an den Rechtsextremismus war beeindruckend. Worte wie "Euer Hass ist unser Ansporn" prangen sonst nur auf Kutten der Fußballfans. Aber es ist die Sprache, die alle verstehen - ohne dass er platt, anbiedernd oder populistisch daher kommt.

Das Thema Integration hat er nicht links liegen gelassen, er hat Größe gezeigt und Wulff sein kleines Vermächtnis gelassen. Gauck ist dagegen zuzutrauen, dass er das Thema nach dem Wulffschen Lippenbekenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehört, nun voran bringt.

Gauck ist also auf seine Kritiker zugegangen - er hat von den Migranten bis zur Netzgemeinde versucht, alle anzusprechen. Dabei hat er der Versuchung widerstanden, überall gleich grundsätzlich zu werden. Er hat mehr seine Bereitschaft signalisiert, über alles zu reden, bereit zu sein. Und viele sollten froh sein, dass er noch nicht grundsätzlich geworden ist. Denn das wird für alle eine Herausforderung.

Schließlich hat Gauck bei aller Vielfalt seiner Rede auch gezeigt, dass er zwar viele Themen bespielen kann, dabei aber immer einen klaren Kompass hat, den der Freiheit in Verantwortung. Es kann also ungemütlich werden in den nächsten Jahren. Und das ist auch gut so. Gauck betrachtet die Dinge vor diesem Werteraster. Geschickt hat er sein Wertegrundkonzept erweitert um den Faktor Gerechtigkeit. Nur wird das keine Kuschel-Gerechtigkeit im Sinne von "Mehr für jeden".

Es wird spannend zu beobachten sein, wie schwer es Gauck damit haben wird, wenn es ernst wird. Hoffentlich erinnert er sich dann an seine eigenen Worte: "Nicht den Ängsten folgen, sondern dem Mut". Einen Mutmacher, so viel ist sicher, kann man immer mal wieder brauchen. Insofern zeigt sich schon jetzt - ganz so unbedeutend ist dieses Amt nicht.

Autor

38 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben