Meinung : Apocalypse Tomorrow?

Jacob Heilbrunn

Ich habe allen Respekt vor Arnulf Baring, der die Bürger dazu gebracht hat, sich unbequem zu fühlen, indem er die bürgerliche Bequemlichkeit angriff. Eine Regierung, die genauso blockiert ist wie die Wirtschaft, hat für eine düstere Weihnachtsstimmung gesorgt, die nur Scrooge von Charles Dickens begrüßt hätte. Johannes Rau sah sich sogar verpflichtet, vor „törichtem Gerede“ über das Ende der Bundesrepublik zu warnen.

Rau hat Recht. Die Republik ist nicht dabei, den Weg von Weimar zu gehen. Aber was wäre, wenn Baring und all die anderen die Schwierigkeiten tatsächlich unterschätzten? Wenn das vergangene Jahr nur ein Warmlaufen war für noch rauere Zeiten? Wenn die Dinge im letzten Jahr noch glimpflich abgelaufen wären für Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten? Denken Sie nur an alles, was schief gehen könnte. Nordkorea hat begonnen, mehrere Atombomben zu bauen. Man stelle sich vor, ein verzweifeltes Regime feuert einen Schuss zu Demonstrationszwecken ab. Die USA könnten sich gezwungen sehen, ihrerseits Nordkorea zu bombardieren. In diesem Durcheinander könnte China versucht sein, Taiwan zu besetzen, während die militärisch schon überdehnten USA hilflos zuschauen müssten.

Und dann der Persische Golf. Saddams Regime könnte in sich zusammenfallen, bevor ein einziger Schuss abgefeuert wird. Aber es könnte auch in einer Art Götterdämmerungsszenario untergehen und den Ölpreis explodieren lassen. Je länger ein Krieg dauert, desto teurer wird er für die US-Wirtschaft, die schon jetzt auf dem Weg in eine Rezession zu sein scheint. Das apokalyptische Szenario wäre, dass die ganze Region in Flammen aufgeht, weil ein Regime nach dem anderen von militanten Islamisten gestürzt wird.

Auch eine Terrorattacke in Deutschland oder den USA könnte ernsthafte Folgen nicht nur für die Wirtschaft haben, sondern auch für das politische System. Aber darüber wird in Deutschland nicht debattiert. Die Außenpolitik spielt sich in einem selbstbezogenen Vakuum ab, als könnte man sich aus einem Konflikt heraushalten. Nur: Dieser Konflikt könnte nach Deutschland kommen. Nach einem Terrorangriff wäre die politische Klasse mit einer Krise konfrontiert, auf die sie nicht vorbereitet ist. Eine Option für die CDU wäre, Bundeskanzler Schröder gefährliche Naivität vorzuwerfen und Stimmen zu gewinnen, indem man eine rigorose Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte fordert.

An bürgerlicher Bequemlichkeit ist nichts auszusetzen. Sie ist Umsturz und Unsicherheit bei weitem vorzuziehen. In den USA endete die Bequemlichkeit am 11. September. Die Erosion der deutschen Wirtschaft und der Hass-Import nach Deutschland legen aber nahe, dass auch diese gemütliche Existenz zu Ende geht. Der Streit über die Rentenkasse verblasst gegenüber den grundlegenden Überlebensfragen, denen sich Deutschland und Europa im nächsten Jahr gegenübersehen könnte. Wenn die Ereignisse sich in der momentanen Richtung weiterentwickeln, werden Bürger wie Politiker das vergangene Jahr vielleicht mit Nostalgie betrachten – und als ein Kinderspiel begreifen.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“. Foto: privat

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