Arabische Welt : Wo auf Frühling Winter folgt

Die Katastrophe in Japan hat unzählige Opfer in Nah und Fern, selbst so unwahrscheinliche wie die Freiheitsbewegungen in Arabien.

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Muammar al Gaddafi sowie die Königshäuser in Bahrain und Saudi-Arabien haben das rasch verstanden. Wenn der Westen sich um Katastrophenhilfe, atomaren Meltdown und die Folgen für die Weltwirtschaft kümmern muss, hat er keine Energien frei, um Hilfe für die Rebellen in Libyen zu organisieren oder energisch gegen die saudische Intervention in Bahrain zu protestieren.

So werden diese Märztage zum Wendepunkt von der Revolution zur Restauration. Die Ablenkung durch Japan ist nicht der einzige Grund, aber sie trägt entscheidend bei. Zuvor war offen, ob der Westen in Libyen intervenieren solle. Nun schließt sich das Fenster.

Es gibt weiter gute Argumente für Zurückhaltung in Libyen. Wer kann belastbar einschätzen, ob die Anti-Gaddafi-Truppen Kräfte des Guten sind, die Demokratie und Menschenrechte wollen, oder nur eine andere Variante der Repression? Offen ist auch, was zu mehr Blutvergießen und Grausamkeit führt: ein schneller Sieg Gaddafis mit Racheakten an allen, die aufbegehrt haben – oder ein sich über Monate hinziehendes gegenseitiges Abschlachten nach Aufrüstung der Rebellen durch das Ausland.

Sicher erscheint: Wenn das Ausland Gaddafi und die Saudis ungehindert gewähren lässt, gewinnen in ganz Arabien die Hardliner beschleunigt die Oberhand gegenüber den reformbereiten Moderaten. Dann geraten auch die Fortschritte in Tunesien, Ägypten, Jordanien, Bahrain und Oman wieder in Gefahr. Autoritäre Kräfte werden triumphieren und ihre Macht festigen – von Syrien über Saudi-Arabien und den Jemen bis Iran. Das gilt ebenso für die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen. Auf einen kurzen Frühling der Freiheit würde kein Sommer der Reformen folgen, sondern ein eiskalter Winter.

Es wäre nicht das erste Mal. Mehrfach hat der Westen Freiheitsbewegungen rhetorisch zum Aufbegehren animiert und dann tatenlos ihrer Niederlage zugesehen, von Ost-Berlin 1953, Ungarn 1956, Prag 1968, Polen 1981 über Burma 1988, Peking 1989 bis zum Aufstand der Schiiten gegen Saddam nach dem ersten Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits. In Afghanistan lieferte er den Mudschaheddin Waffen für den Kampf gegen die Sowjetunion. Heute werden die eigenen Soldaten damit beschossen.

Eine Intervention gegen die UdSSR und China war nie eine Option. Libyen aber hat keine Atomwaffen. Wenn der Westen den Rebellen dort helfen will, muss er das nicht direkt tun. Er kann auch moderate arabische Staaten unterstützen, die Gaddafis Sturz anstreben. Die Arabische Liga fordert die Flugverbotszone. Sie könnte Ägypten auch Rückendeckung dafür geben, den Rebellen Waffen zu liefern. Wenn Arabiens moderate Staaten selbst den Kampf gegen die Hardliner führen und gewinnen: Das wäre ein echter Sommer.

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