Arabischer Frühling : Wachsende Zweifel

Der Arabischen Welt gehen die Frühlingsgefühle aus. Die revolutionäre Euphorie nach den spektakulären Volkstriumphen in Tunesien und Ägypten ist einem mittelschweren Kater gewichen.

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Libyens Gaddafi schießt seit Monaten – unbeirrt von weltweiter Empörung und alliierten Lufteinsätzen – auf sein rebellisches Volk. In Jemen herrscht ein waffenstarrendes Patt, an dem das Land endgültig zugrunde gehen könnte. Und Syriens Assad richtet jede Woche neue Massaker unter Regimegegnern an. Seine Panzer schießen Städte zusammen, während die Staatssicherheit nach Belieben wütet. Kein Zweifel: Ein halbes Jahr nach der spektakulären Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi hat sich der Nahe und Mittlere Osten in eine andere Welt verwandelt, aber längst nicht in eine, die sich Millionen junger Menschen bei ihren Facebook-Debatten erträumten.

Immer mehr von ihnen beschleichen Zweifel, ob nach dem vielversprechenden Start ihre Reise tatsächlich bei Demokratie und offenen Gesellschaften endet oder nicht doch bei Chaos, Militärdiktatur und Bürgerkrieg. Denn die Ungeduld in den Völkern wächst, genauso wie die sympathisierende Ohnmacht in den westlichen Demokratien. Die Verbrüderungen auf den arabischen Plätzen sind verflogen, die zähen, alten Probleme wieder zurückgekehrt. Zwanzig Prozent der Menschen am Nil haben keinen Job, fünfzig Prozent leben in Armut, es fehlt an Schulen, Wohnungen und Krankenhäusern. In Tunesiens Feriengebieten stehen fast alle Hotels leer, stattdessen füllen sich die Orte mit Flüchtlingen.

Denn das Ende der Regime ist mit der Entmachtung einzelner Despoten nicht getan. Die jahrzehntelange politische Verrottung lässt sich nicht in wenigen Monaten wenden. Vor den Völkern liegt ein harter Weg. Sie müssen lernen, die lang entbehrte politische und gesellschaftliche Teilhabe von Grund auf neu zu organisieren. Und sie müssen wissen, dass eine würdige Arbeit dazu genauso gehört wie Stimmzettel, Demonstrationsrecht und freie Medien. Wirtschaftshilfe, Schuldenerlass und Investitionen sind das Wichtigste, mit dem der reiche Norden den arabischen Revolutionären jetzt dienen kann. Die Mehrheit der Menschen wird nur dann an Demokratie und Pluralität festhalten, wenn sich auch ihre persönlichen Lebensumstände bessern.

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