Meinung : Arbeit als Verdienst

Mit Kurzarbeit bringen die meisten Deutschen stillstehende Fließbänder oder frierende Bauarbeiter in Verbindung. Die Krise macht jetzt auch aus Büroangestellten und Ingenieuren Kurzarbeiter. 1,4 Millionen Deutsche bekommen Kurzarbeitergeld vom Staat. Und es werden wohl noch mehr. Warum in Deutschland Menschen im Job gehalten werden, obwohl es nichts zu tun gibt.

Fabian Leber

Ausländische Beobachter wundern sich, warum in Deutschland Menschen in Arbeit gehalten werden, für die es gar keine Arbeit gibt. Neu ist das nicht. Allein schon ihrem Namen nach waren die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in den 90er Jahren vor jeder Bundestagswahl hervorgekramt wurden, ein Widerspruch in sich. Wo keine Arbeit ist, kann auch nichts beschafft werden.

Doch die Deutschen haben ein unsouveränes Verhältnis zur Arbeit, das weitgehend formalisiert ist. Hier ist man weniger stolz auf das, was man mit seiner Arbeit leistet, als darauf, einen Arbeitsplatz zu haben. Die Deutschen glauben an die Arbeit, sie ist ihnen aber merkwürdig fremd geworden. Einerseits arbeiten sie 41,2 Stunden pro Woche, und das mit steigender Tendenz, wie eine neue EU-Studie zeigt. Wenn sie arbeiten, dann schaffen die Deutschen mehr als die meisten Europäer. Andererseits ist nirgendwo sonst das Bedürfnis nach Freizeit so groß, der Wunsch, von der Arbeit „abzuschalten“. Ein deutscher Arbeitnehmer darf sich über 30 Urlaubs- und 10,5 Feiertage freuen.

In keinem anderen Land ist mit geregelter Arbeit auch so viel verknüpft wie hier: Rentenansprüche, Krankenkasse, Pflegeversicherung. Wer einen festen Arbeitsvertrag hat, muss sich darum keine Sorgen machen, weiß im Normalfall noch nicht einmal, wie hoch der Beitragssatz seiner gesetzlichen Krankenversicherung ist. Wer dagegen auf eigene Rechnung arbeitet, der befindet sich in der rauen Welt des sozialstaatlichen Naturzustands.

Sichere Arbeit wird als ein Verdienst gesehen. Wie hoch deren Stellenwert in Deutschland ist, offenbarte der Fall Emmely. Niemand hätte die gekündigte Kassiererin daran gehindert, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Der juristische Kampf um ihre Wiedereinstellung legte offen, wie groß die soziale Schmach sein muss, nach 31 Jahren gekündigt zu werden. Selbst wenn die Kassiererin in letzter Instanz ihre Wiedereinstellung erzwingen sollte, wird sie in ihrer alten Arbeit gefangen bleiben.

Hieran zeigt sich auch, warum die von der Regierung Schröder betriebene Form der Sozialdisziplinierung von vielen als ungerecht empfunden wurde. Sie entsprach nicht dem Prinzip der Fairness. Mit Hartz IV wurden die Spielregeln für jene verändert, die keine Arbeit haben – diejenigen, die Arbeit haben, durften ihre Ansprüche behalten. Richtig wäre gewesen, entweder den Arbeitsmarkt radikal zu öffnen oder aber beim bis dahin gewährten hohen sozialen Sicherungsniveau für alle zu bleiben.

Es hat schon seinen Grund, dass die Union, anders als 2005, nicht mehr in den Wahlkampf ziehen will, um den Kündigungsschutz zu lockern. Es wäre das beste Programm zur Wählerabschreckung. Merkwürdigerweise versucht aber auch die SPD nicht, aus der deutschen Sehnsucht nach sicheren Verhältnissen Kapital zu schlagen. Es wäre vielleicht das letzte Thema, aus dem sich ein Wahlkampfschlager entwickeln ließe. Eine Abschaffung des Kündigungsschutzes hätte den Erregungsfaktor von Hartz IV hoch fünf. In ihrer Mitte wäre die deutsche Gesellschaft tief getroffen.

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