Meinung : Arbeit gibt’s genug

Beschäftigung muss neu definiert werden, um alle zu integrieren Von Gertrud Höhler

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Im Ausland gilt Deutschland als der kranke Mann Europas. In einer gemeinsamen Reihe von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autorinnen und Autoren nach Wegen aus der Krise.

Die Industriekultur schuf einen neuen Entwurf des „homo sapiens“, den „homo oeconomicus“. „Kapitalismus“ nennen die Fachleute das. Die Innovationen der angebrochenen Maschinenzeit nahmen Tempo auf; ein erster Globalisierungsschub erfasste Europa. Die Opfer an Lebensbalance und privatem Zusammenhalt erschienen gering, gemessen an dem Wohlstandsversprechen, das die neue Arbeitswelt durchzog wie eine visionäre Melodie: Arbeiten, um frei zu werden von Arbeit. Diese „Leistungsgesellschaft“ setzte das leuchtende Gestirn der „Freizeitgesellschaft“ an ihren Horizont.

Die neue Sozialkultur wurde ausgebaut mit dem Optimismus einer Gesellschaft, die genug leistungsstarke Erwachsene und genug Kinder hat, um auch die zu versorgen, die nicht mehr im Erwerbsleben mitwirken. Die Verbindung von Arbeitsplätzen mit Sozialleistungen erschien logisch und fortschrittlich. Dass sie versagen müsste, wenn die Zahl der Alten eine Mehrheit würde und die der Jungen eine Minderheit, beschäftigte ein paar Pessimisten.

„Arbeit“ in der Welt der Hochöfen und Autoschmieden wurde „Erwerbsarbeit“. Ein „Arbeitsplatz“ hatte einen „Arbeitgeber“, auch der fleißigste Lohnempfänger hieß nun „Arbeitnehmer“.

Wer Arbeit so eng definiert, handelt sich Probleme ein. Zuerst zeigten sie sich bei der „Motivation“: Während die Produktivität der Maschinen zunahm, durfte die Arbeitszeit der Menschen abnehmen. Immer größere Freizeitpakete, immer mehr Mobilität, immer mehr Einkommen. Stetig entgleiste derweil das Verhältnis der Generationen. Wer den Mitspieler in der Karrierewelt idealisiert, hat immer weniger Platz für Kinder. Die Koppelung der Sozialsysteme an die schmal definierten „Erwerbsarbeitsplätze“ rächt sich nun: Weil alle Belohnungen sich an den Erwerbsplatz haften, verlieren die Arbeitsplatzverlierer auch das Kostbarste: soziales Prestige, Anerkennung. Die Verengung des Arbeitsbegriffs auf bezahlte Erwerbsarbeit war das Programm für den sozialen Absturz, den wir heute erleben.

Dass uns die Arbeit ausgehe, können nur Leute mit diesem verengten Blick behaupten. Jeder Mensch arbeitet sich durchs Leben, er arbeitet, um die Welt zu verstehen, er lernt und begreift, erarbeitet sich Beziehungen und Freundschaften, arbeitet an seiner Verlässlichkeit und seinen Tüchtigkeiten. Jeder Mensch unterscheidet bald erreichbare von unerreichbaren Zielen; er fordert nicht, wenn er nicht zum Fordern erzogen wird. Der fordernde Bürger, der sich uneinsichtig gibt, ist in Wahrheit der zornige, der enttäuschte Bürger. Sein Zorn gilt den Führungsfehlern und den Systemfehlern, in denen er nun gefangen ist. Als Arbeitsplatzverlierer erlebt er, dass nichts, was er tut, geachtet wird, wenn es nicht bezahlt wird. Nur eine entschiedene Umkehr der politischen Doktrin kann uns aus diesem Dilemma heraushelfen: Arbeit ist ein so hoher Wert für die Selbsterkundung und den Austausch zwischen den Menschen, dass sie nie mehr in den Käfig einer engen Erwerbsfixierung eingeschlossen werden darf. Die Erträge unserer Leistungen müssen, flankiert von arbeitsunabhängigen Sozialsystemen, gerecht verteilt werden. Jeder, auch der traditionell unbelohnte Einsatz im Gemeinwesen, berechtigt zur Teilnahme an den sozialen Sicherungssystemen.

Eine schrumpfende Gesellschaft wird nicht mehr Menschenheere durch die Fabriktore des Kapitalismus schicken. Die Arbeit verteilt sich und sickert in Nischen: bei jungen Unternehmern, bei Müttern und Vätern, die genau dies wieder sein wollen und nicht nur Karrierejäger im verengten Sinne. Nur so werden „Kinderkarrieren“ wieder möglich. Jeder, der konstruktiv am Zusammenleben teilnimmt wird Nutznießer der Sozialsysteme neuen Zuschnitts. Eine Revolution liegt vor uns. Jetzt Arbeit von den Ketten des Erwerbsarbeitsplatzes befreien, und jetzt die halbherzigen Reformen durch den beherzten Sprung in eine neue Gegenüberstellung von Leistung und Sozialtransfers ersetzen: Das wird die Loser-Kultur, in der wir uns einzurichten beginnen, aufsprengen und den „Arbeitslosen“ alter Ordnung den Verliererstempel nehmen. Alle, die dann mehr Verantwortung tragen, werden weniger Unerfüllbares fordern. Für einen Kanzler, der sichtlich Lust hat, Lösungen zu liefern, wäre diese Umkehr der Abwärtsspirale das attraktivste Wagnis mit hohem Erfolgspotenzial.

Die Autorin ist Professorin für Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Paderborn. Zu hören ist dieser Beitrag am Sonntag um 12 Uhr 10 auf UKW 89,6.

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