Meinung : Arbeitslosigkeit unter Türken: Kanaksprak versteht man nicht

Der Stoff ist hochentflammbar, aber eine Frau hat verhindert, dass es zu einer Explosion gekommen ist. Vorerst jedenfalls. Die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John, eine Christdemokratin, hat in der vergangenen Woche bekannt gegeben, dass 42 Prozent der in Berlin lebenden erwerbsfähigen Türken arbeitslos sind - eine Tatsache, die man leicht als Kapitulationserklärung vor jeder Bemühung verstehen kann, Ausländer in Deutschland zu integrieren. Dass es bislang keinen fremdenfeindlichen Aufschrei gegeben hat, ist der Umsicht von Frau John zu verdanken, die sich vor Schuldzuweisungen hütete. Aber es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, bis diese Zahl in einen Wahlkampf um die Zuwanderung von Ausländern einfließen wird - dem Aufruf im Bundestag am letzten Freitag zum Trotz, man möge das Ausländerthema nicht instrumentalisieren. Und dann werden die schlimmsten Vorurteile neue Nahrung erhalten: Sind gerade Türken zu faul, um selbst eine Existenz zu begründen? Kommen sie nach Deutschland, um dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche zu liegen?

Fest steht jedenfalls: Diese Zahl der arbeitslosen Türken ist so exorbitant hoch, dass sich andererseits auch viele der beschwichtigenden Muster zur Erklärung des Missstandes verbieten - etwa jenes, dass die deutsche Gesellschaft die Integration von süd-osteuropäischen oder nichteuropäischen Migranten erschwere. Mit anderen Worten: Natürlich sind die arbeitslosen Türken in Berlin für ihr Debakel zu einem Teil selbst verantwortlich. Aus sozialer und kultureller Rückständigkeit missachten viele die Grundregeln jeder erfolgreichen Einwanderung: Wer seine Heimat verlässt, tut es, um seine eigene Lebenssituation, spätestens aber die seiner Kinder zu verbessern. Dazu gehört zu allererst die möglichst schnelle Integration über das Erlernen der Sprache und eine gute Ausbildung.

Viele Türken tun genau das Gegenteil: Sie brechen besonders häufig die Schule oder Lehre ab, sie haben oft selbst nach Jahrzehnten noch mangelhafte Sprachkenntnisse, sie unterdrücken Frauen, indem sie ihnen eine eigene Berufsausbildung verwehren; und viele heiraten auch nur Frauen, die sie aus der Türkei nachholen, auf dass ja jene traditionellen Familienstrukturen erhalten bleiben, die doch in der neuen Wirklichkeit das Fortkommen so erschweren. Schließlich richten sich diese Ausländer immer noch auf einen vorübergehenden Aufenthalt in Deutschland ein, so wie es von den Deutschen lange auch gewollt war - und überweisen pro Kopf offenbar mehr Geld in ihre Heimat als die in den USA erst seit kurzem lebenden Mexikaner.

Nur helfen diese Schuldzuweisungen auch nicht weiter, um den sehr realen Missstand der Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende Selbst-Gettoisierung zu überwinden. Allein in Berlin leben mehr als 125 000 Türken, die Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt, und diese Zahl wird in den nächsten Jahren noch steigen. In der Erkenntnis, dass wir zur Koexistenz keine Alternative haben, ist es aber um so dringender, die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Denn das Problem ist auch hausgemacht: Wir haben uns nie ernsthaft darüber Gedanken gemacht, was nach der massenhaften Anwerbung unqualifizierter Arbeitskräfte geschehen soll, wenn die unqualifizierte Arbeit wegfällt. Den Türken geht es da nicht anders als vielen Deutschen: Sie fallen in das soziale Netz, aus dem sich zu befreien oft der Leidensdruck fehlt. Zwingend wäre aber, dass an Arbeitslosen- oder Sozialhilfe zumindest die Pflicht zur sprachlichen oder beruflichen Weiterbildung geknüpft wird, damit sich die eigenen Chancen verbessern. Auch müssen Aufenthaltsgenehmigung oder gar Einbürgerung viel strenger als bisher von nicht nur ausreichenden Sprachkenntnissen abhängig gemacht werden. Und die Schulen müssen verstärkt die Möglichkeit haben, Deutsch zu unterrichten und den Lernstand zu überprüfen.

Ideologen werten solche Forderung gerne als Zwang zur "Germanisierung" ab und verbinden damit die Aushöhlung der kulturellen und ethnischen Identität. Das Gegenteil aber ist wahr: Wenn wir jetzt nicht endlich damit anfangen, werden wir Hunderttausende von Ausländern nicht mehr mitnehmen, sondern zurücklassen - im Abseits.

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