Arbeitsmarkt : Anonyme Bewerbung: Die erste Hürde fällt

Kein Name, kein Foto, Geschlecht, Alter und Familienstand unbekannt - kann man so jemanden einstellen? Ja, meinen einige große Firmen und wollen es demnächst versuchen. Ein Kommentar.

von
Für Stellensuchende ist das Alter oft ein Handicap.
Für Stellensuchende ist das Alter oft ein Handicap.Foto: dpa

Es gibt schließlich Gespräche, um jemanden kennenzulernen, der eine Bewerbungsmappe mit ausgezeichneten Zeugnissen geschickt hat. Darin könnte man einen exzellenten Eindruck von Herrn oder Frau Unbekannt bekommen. Und das, obwohl er Türke ist (sind das nicht alles Schläger und Bildungsversager?) oder sie zwei kleine Kinder hat (hat die überhaupt Zeit für den anspruchsvollen Job?). Anonyme Bewerbungen, das meinen auch immer mehr Ökonomen und Personaler, könnten dazu führen, mehr qualifizierte, engagierte Leute zu bekommen, die sonst schon an der ersten Hürde gescheitert wären, weil sie mit Vornamen Ali heißen, noch schwanger werden könnten oder vor 1960 geboren wurden.

Zunächst zwei Ministerien und Unternehmen, darunter so große wie L'Oréal und Procter & Gamble, wollen demnächst anonyme Bewerbungsverfahren testen. Der – vor allem in der Wirtschaft – abschreckende Name der kleinen Bundesbehörde, die sie auf den guten Gedanken gebracht hat, könnte leicht auf die falsche Fährte führen: Natürlich hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes einen Bürgerrechtsauftrag; sie soll daran mitwirken, dass die Gleichheit aller Bürger gewährleistet wird – gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft und Weltanschauung. Aber ihr Anliegen wird immer stärker auch eins der Unternehmen: Belegschaften mit einer guten Mischung der Altersgruppen, Geschlechter, der sozialen und ethnischen Herkunft sind erfolgreicher und flexibler als sehr gleichförmige. „Zu weiß, zu männlich, zu deutsch“ befand vor ein paar Jahren ein neuer Chef des deutschen Weltkonzerns Siemens. Das war kein Entwurf für ein Bürgerrechtsmanifest, sondern die kritische Bestandsaufnahme eines Managers, der den wirtschaftlichen Erfolg will. Und auch der Telekom, die kürzlich eine Frauenquote für ihre Führungsetagen beschloss, liegt vermutlich wenig am Bundesverdienstkreuz für soziales Engagement, aber viel an ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Vielleicht braucht es ja gar keine Gesetze, sondern mehr gute Beispiele damit Gleichheit Konjunktur bekommt.

Autor

47 Kommentare

Neuester Kommentar