ARD über Gebühr : Herr Jauch hat einen Auftrag

12.06.2010 22:52 UhrVon Joachim Huber

Der Amtsantritt von Günther Jauch bringt den Senderverbund nicht in die finanzielle Bredouille. 2010 kassieren ARD-Anstalten, ZDF und Deutschlandradio 7,26 Milliarden Gebühren. Die Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen sind sicher, wo Hartz-IV-Sätze, Renten, Elterngeld längst nicht mehr sicher sind.

Die Haushaltsabgabe ersetzt 2013 die Rundfunkgebühr. Noch ehe Sinn und Unsinn debattiert werden konnte, hat die ARD clever den Systemwechsel mit einer Sensation überblendet: Günther Jauch kehrt ins Erste, in den Mutterschoß des deutschen Fernsehens, zurück. Der größte lebende Zuschauerliebling will seine politische Gesprächssendung schon 2011 starten. „Tagesschau“, „Tatort“, „Talk“, „Tagesthemen“ – wir gehen herrlichen Fernsehzeiten am Sonntag entgegen.

Der Amtsantritt von Jauch vor der Haushaltsabgabe bringt den Senderverbund nicht in die finanzielle Bredouille. 2010 kassieren ARD-Anstalten, ZDF und Deutschlandradio 7,26 Milliarden Gebühren.

Unter diese Pegelmarke werden die Einnahmen niemals sinken. Dafür steht die Entwicklungs- und Bestandsgarantie des Bundesverfassungsgerichts, dafür stehen die Patrone der Medienpolitik, die Ministerpräsidenten. Mögen die Zeiten rauer werden für nicht wenige in der Gesellschaft, ist Sparen das Zauberwort der Stunde – für die Öffentlich-Rechtlichen trifft beides nicht zu. Ihre Einnahmen sind sicher, wo Hartz-IV-Sätze, Renten, Elterngeld längst nicht mehr sicher sind.

Eine derartige Vorzugsbehandlung verlangt eine Begründung in den Programmleistungen. Wirklich überzeugend sind ARD und ZDF, wo sie konträr zum kommerziellen Rundfunk arbeiten. Die Anstrengungen bei der Information, von „heute“ über Polittalk hin zu den Magazinen, sind sichtbar und notwendig, damit so demokratische Willensbildung medial ermöglicht wird. Weniger erhaben: Wenn der private TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 meint, er müsse bei den Nachrichten sparen, damit er mehr Geld ins Tralala stecken kann, dann haben die Öffentlich-Rechtlichen sofort ihren Programmauftrag. Das, und nur das ist gefordert: Konkurrenz als Gegenentwurf, nicht als Konkurrenz im Gleichen. ARD und ZDF haben für einen dreistelligen Millionenbetrag die TV-Rechte an 55 der 64 Spiele der Fußball-WM eingekauft. 550 Mitarbeiter wurden nach Südafrika geflogen, wo der Pay-TV-Sender Sky, der alle 64 Spiele live zeigt, mit 70 Mann Personal auskommt. Der Privatsender RTL begnügt sich mit neun Partien, aber kann er deswegen schlechter übertragen? Die WM-Rechte sind schlicht und allein eine Frage des Geldes, der Gebühren. Teil der Grundversorgung sind sie nicht. Es ist wider den öffentlich-rechtlichen Begründungszusammenhang gehandelt, wenn das ZDF beim Kultursender 3sat Millionen streicht, um sie in seine Novität ZDFneo zu stecken. Motto: Alles, was die privaten Wettbewerber können, das können wir auch – und besser.

Keineswegs müssen die Sender alle Formate für alle Zuschauergruppen machen. Sie müssen nicht auf allen medialen Plattformen präsent sein. Sie müssen in der Konzentration auf das Kerngeschäft so viel Publikum wie möglich zum Einschalten verführen. Im Umstieg von der analogen zur digitalen Welt, in der Vertausendfachung der Angebote sucht der Nutzer nach Orientierung, nach verlässlichen Marken, nach einem Überzeugungskern. Die ARD und das ZDF, stets von der sonderbaren Furcht geplagt, sie könnten bei fallenden Quoten in eine Legitimitätskrise geraten, haben diese Qualitäten zu Quantitäten verwässert. Und wenn jetzt Ohnmacht angesagt ist: Es muss nicht die ARD sein, die Lena Liebling castet!

Jetzt kommt die Symbolfigur des deutschen Fernsehens, jetzt kommt Günther Jauch zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er kommt als politischer Journalist, er bleibt bei RTL als Quizmaster. Schon rumort in ARD-Köpfen, der Mann, dem die Zuschauer am meistern vertrauen, werde parallel zur Haushaltsabgabe 2013 weitere Sendungen und Unterhaltung im Ersten moderieren. Damit sind – hurra – RTL und Sat 1 endlich plattgemacht. Gerade an der Überfigur im Ersten und am Reflex des Zweiten wird sich entscheiden, welchen Daseinszweck sich beide verordnen. Der 53-jährige Jauch wird also den öffentlich-rechtlichen Auftrag retten müssen. Dafür bekommt er so viel Geld aus Gebühren und Haushaltsabgabe, dass das Mitleid eingespart wird.

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