Meinung : Armageddon im Wahlkampf

Bush und Kerry schüren die Angst – und sammeln jetzt Stimmen am radikalen Rand

Malte Lehming

W er kleine Kinder hat, kann Fehler machen. Aber wer rechnet damit, nicht in den Zoo gehen zu dürfen? Der „National Zoo“ in Washington ist immer gut besucht. Der Eintritt ist frei. Trotzdem wird großer Aufwand betrieben, um attraktiv zu bleiben. Bald wird in Amerika Halloween gefeiert. An dem Tag ziehen Geister und Gespenster durchs Land. Im Zoo hat man sich vorbereitet. Entlang der Käfige und Gehege geht’s gruselig zu. Um einen Tisch, links neben einem Teich, sitzen vier lebensgroße Skelette. An Bäume sind große, rote Teufel gelehnt. An Affengeschrei und Löwengebrüll haben die Kinder sich gewöhnt. Dies macht ihnen Angst.

An Affengeschrei und Löwengebrüll hatten sich Amerikaner auch in Wahlkampfzeiten gewöhnt. Schon oft sind Kampagnen derb, aggressiv, gemein gewesen. Im Jahr 1964 etwa verteidigte der Demokrat Lyndon B. Johnson das Präsidentenamt. Sein Herausforderer war der Republikaner Barry Goldwater. Um den zu diskreditieren, ließ Johnson einen legendären TV-Spot produzieren: Ein kleines Mädchen steht auf einem Feld inmitten von Gänseblümchen. Eine Stimme zählt den Countdown bis zu einer Nuklearexplosion. Der aufsteigende Atompilz soll suggerieren, Goldwater werde als Präsident leichtfertig einen fürchterlichen Krieg vom Zaun brechen.

Ähnlich schrill ist die Rhetorik von George W. Bush und John Kerry. Das überrascht. Bisher hieß es immer, Wahlen würden in der Mitte gewonnen. Erst müsse ein Kandidat die eigene Partei hinter sich versammeln, dann die eigene Klientel befriedigen und schließlich, durch bewusst moderates Auftreten, in den Kreis der Unentschlossenen vordringen. Radikal am Anfang einer Kampagne, handzahm an deren Ende: Nur so, glaubte man, würden Wahlen gewonnen.

Bush und Kerry machen das Gegenteil. Der jüngste Werbespot von Bush setzt erneut auf den Angstfaktor. Erst sieht der Zuschauer die Trümmer des World Trade Centers, dann fragt die Stimme: „John Kerry und seine liberalen Verbündeten – sind sie ein Risiko, das wir uns heute leisten können?“ Kerry wiederum ist kaum milder gestimmt. Während der Vorwahlen noch galt der Senator aus Massachusetts innerhalb seiner Partei vor allem deshalb als präsidiabel, weil er, im Unterschied etwa zum Kriegsgegner Howard Dean, für den Irakkrieg gestimmt hatte. Inzwischen schimpft Kerry wütender auf die Verantwortlichen für diesen Krieg, als es Dean je tat. Auch Kerry schürt Ängste. Bush werde die Renten kappen und die Wehrplicht wieder einführen, orakelt er.

Der Radikalisierungsstrategie liegt ein Kalkül zugrunde: Nicht in der Mitte würden noch Wähler gewonnen, sondern an den Rändern, glauben die Kampagnenplaner. Das Land ist gespalten und polarisiert. Bush wird verehrt und gehasst. Die Zahl der Unentschiedenen ist klein. Daran ändert sich bis zum Wahltag nichts. Also muss die Basis angefeuert werden. Der Schlüssel zum Sieg ist die Wahlbeteiligung. Die Strategen setzen auf Enthusiasmus und Organisation.

Also entfacht der Präsident das konservative Feuer. Er verspricht weitere Steuersenkungen, will die Homo-Ehe verbieten, umgarnt die Waffenlobby. Rund vier Millionen Evangelikale – die den Republikanern sehr nahe stehen – sollen vor vier Jahren nicht gewählt haben. Das soll sich ändern. Rund eine Million Freiwillige hat das Bush-Team verflichtet. Sie werden am 2. November jeden einzelnen Konservativen zur Not an die Urne tragen.

Passion statt Pragmatismus. Geht diese Strategie auf? Weil sie beide Seiten verfolgen, wird sich das nie abschließend klären lassen. Die Kinder jedenfalls dürfen erst nach Halloween wieder in den Zoo.

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