Meinung : Arme Kinder, armes Land

In Deutschland wird die Jugend angeguckt wie im Zoo – ihr Potenzial bleibt ungenutzt

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Auf dem Weltjugendtag hat die Jugend getanzt, gefeiert und Kondome benutzt. Der Papst ist gegen Safer Sex, aber das störte niemanden. Die Jungen sind ideologiefrei engagiert, fröhlich und entspannt. So wird die deutsche Jugend auch in den neuesten Umfragen charakterisiert. Zudem als leistungsorientiert, willensstark und pragmatisch. Die Erwachsenen, die etablierten Politiker, benutzen meist ein anderes Wort für diese Generation: brav.

Vielleicht ist das die derzeit größte Lüge der Politik. Eine Lüge, um sich mit der Jugend, der Zukunft, nicht beschäftigen zu müssen. Junge Politiker wie die Chefs von Junger Union und Jusos verlassen deshalb Parteigrenzen. Die etablierte Politik, hat JUChef Philipp Mißfelder beobachtet, habe Angst vor einer Zukunftsdebatte. Den Jungen würde unterstellt, sie lebten in den Tag hinein. Tatsächlich aber seien sie es, die langfristiger dächten. Auch deshalb wollen JU und Jusos einen Generationenpakt, keinen Generationenkrieg – obwohl am 18. September 2,6 Millionen Erstwähler und 10,1 Millionen Wähler zwischen 18 und 30 Jahren 20 Millionen Wählern über 60 gegenüberstehen.

Angesichts jüngster Berichte zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland muss man Mißfelders Eindruck von der ängstlichen Politik teilen. In Deutschland ist die Zahl armer Kinder auf rekordverdächtige 1,7 Millionen gestiegen. In manchen Städten leben bis zu 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Armut. Hinzu kommt eine andere Zahl: Zehn Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule jährlich ohne ein Äquivalent zum Hauptschulabschluss. Die Jungpolitiker, aber auch Sozialforscher warnen die Politik, nicht die Augen zu verschließen vor der Gefahr einer neuen Unterschicht. Die ist abgekoppelt von der Mehrheitsgesellschaft: durch Verwahrlosung und schlechte Bildung.

Heute haben wir mit Hartz IV eine Art Job-First-Strategie entwickelt, nur gibt es die Jobs gar nicht. Qualifizierte wie Unqualifizierte gehen hinein in die Vermittlung und kommen nicht wieder heraus. Das lässt sich morgen nur stoppen, wenn Kinderbetreuung und Bildung zur wichtigsten Säule der Gesellschaft werden.

Der Kinder- und Jugendbericht fordert vehement mehr staatliche Unterstützung in der Betreuungs- und Familienpolitik. Das ist richtig – und liegt im Trend. Die Politik hat angefangen, Ganztagsbetreuung an Schulen zu bezuschussen und mehr Geld in die Betreuung von Kleinkindern zu stecken. Die ganze Gesellschaft profitiert davon, wenn Kinder früh und gut betreut werden. Damit erwerben sie Qualifikationen nicht nur im ökonomischen Sinne, sondern auch im sozialen.

Wir sollten den Mut und Forscherdrang unserer Kinder nicht unterschätzen und sie spielerisch fördern und fordern. Dafür bedarf es der größten finanziellen Anstrengung, zu der das Land fähig ist. Genauso nötig ist ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab der Geburt, um vor allem berufstätigen und allein erziehenden Müttern zu helfen.

JU-Chef Mißfelder sagt, die Politik habe Angst vor diesen Wahrheiten. Eine davon lautet: Es ist zwar richtig, den Staat aus vielen Bereichen hinauszudrängen. In der Betreuungs- und Familienpolitik dagegen ist mehr Staat nötig. Sonst wird es nie einen neuen Generationenpakt geben.

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