Meinung : Asterix bei den Nazis

Von Pascale Hugues, Le Point

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Eine Freundin aus Breslau erzählte mir neulich bei einem Zwischenstopp in Berlin, ihr Sohn spiele daheim auf dem Schulhof gerne „Deutsche gegen Polen“. Eine unerbittliche Schlacht, bei der jeder Schlag erlaubt ist und die Lager klar abgegrenzt sind: auf der einen Seite die SS, auf der anderen die Partisanen. Ungefähr zur gleichen Zeit ging ich in Berlin mit meinem Sohn zusammen ein Buch kaufen, als Geschenk für einen Freund, der seinen siebten Geburtstag feiert. Die Buchhändlerin schien eine militante Kampagne gegen frühkindliche Verdrängung zu führen: Sie reichte mir ein kleines, hübsch illustriertes Buch, in dem die Geschichte des Dritten Reiches für Kinder erzählt wird. Ich antwortete etwas trocken, dass für alles der passende Zeitpunkt käme, und griff zu „Asterix auf Korsika“. Auf dem Weg nach Hause quetschte ich meinen Sohn aus: „Wie hieß der Mann, der Deutschland im Krieg regiert hat?“ „Hitler!“, antwortete er, ohne zu zögern. „Und was hat der gemacht? Weißt du das auch?“ Mit seinen riesigen blauen Augen sah der Kleine mich ernst von unten an. Er spürte genau, dass er sich an der Schwelle eines dunklen und monströsen Kontinents befand, einer Terra incognita, deren zerrissene Oberfläche ihm noch unbekannt war. „Ich glaube“, sagte er mit weicher Stimme, „der wollte alle Leute mit blauen Augen und blonden Haaren umbringen.“ Er dachte ein wenig nach und runzelte die Stirn. „Oder waren’s die mit den schwarzen Haaren, Maman?“

Ohne dass ich es gemerkt hätte, ist die deutsche Katastrophe in das Universum meiner Kinder eingedrungen, in Form von unzusammenhängenden Fetzen, unartikulierten Bildern, unverständlichen Schatten. Nachdem die Kleinen schlafen gegangen waren, fragte ich mich: Wann sollte man anfangen, mit seinen Kindern über das Dritte Reich zu sprechen? Und: Wie sollte man mit ihnen darüber sprechen, wenn die Kinder ein bisschen französisch und ein bisschen deutsch sind? Für das französische Bisschen ist die Geschichte auf den ersten Blick genauso simpel wie auf den Schulhöfen von Breslau: 40 Millionen Widerständler und ein Krieg, der am Strand der Normandie gewonnen wurde. Eine Vergangenheit, so weiß wie die Jungfräulichkeit – wenn man sich nicht allzu genau mit den Details und Ambivalenzen auseinander setzt. Aber wie sieht die Sache für einen kleinen FrankoAllemannen aus? Wenn Großonkel André gegen Großonkel Heinrich gekämpft hat? Wenn meine Kinder das Alter erreichen, in dem man anfängt, Fragen zu stellen, werden André und Heinrich lange tot sein. Die lebendige Erinnerung an die 30er Jahre ist im Begriff zu verschwinden. Meinen Kindern werden nur Bücher und Filme bleiben.

Ich schaltete den Fernseher ein und stolperte auf RTL über einen kanadischen Film, in dem Hitlers junge Jahre rekapituliert werden. Adolf als adretter junger Mann mit Smoking und Schmalzlocke. Ein Handkuss für Eva Braun, die sehr nach femme fatale aussieht. Ein charmantes Gespräch in gepflegtem Hochdeutsch, das Ganze untermalt von abgeschmackten Geigen, Hitler als dämonischer Gentleman zur Prime Time, für gepflegte Call-a-Pizza-Abende auf dem Familiensofa. Dann wurde der Film von Werbung unterbrochen, zwischen zwei „Heil Hitlers“ zerbiss ein roter Mund ein Mon Cheri. Ich wechselte entsetzt den Sender und erwischte einen sentimentalen Dokumentarfilm über die deutschen Flüchtlingstrecks auf dem Kurischen Haff. Mit dabei: „der Russe“, stilisiert zum unerbittlichen Bolschewiken, zwischen den Zähnen ein Messer, mit dem er alles meuchelt, was deutsch und per se unschuldig ist. Dazu die gleichen jammernden Geigen.

Schnell schalte ich ab. Vielleicht ist es an uns – der Enkelgeneration – in aller Ruhe André und Heinrich zu befragen, um später unseren Kindern davon zu erzählen. Ohne Smoking und Geigen, ohne Mon Cheri und Pizza. 60 Jahre nach dem Kriegsende bleibt dafür gerade noch Zeit.

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