Meinung : Atmosphäre unter Kontrolle Die erste Woche im Irak lief gut

– das wird kaum so bleiben

Christoph von Marschall

Na also, vielleicht geht es doch friedlich ab. Die Waffenkontrolleure sind in den ersten Tagen ihrer neuen Irak-Mission weder auf Widerstand noch auf grobe Täuschungsversuche gestoßen. Sie haben die ersten Fabriken untersucht – ganz, wie es die Resolutionen des Sicherheitsrats vorsehen.

Gewiss, da gab es die britischen Zeitungsberichte vom Freitag, Saddam lasse Komponenten von Massenvernichtungswaffen bei Privatleuten verstecken: Wissenschaftlern, Beamten, selbst Bauern. Aber wenn die Geheimdienste überzeugende Hinweise haben, müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn sie solchen Betrug nicht aufdecken könnten. Nicht zuletzt dank der anhaltenden Drohung mit einem Militärschlag. Auf diesen Druck scheint der irakische Diktator zu reagieren.

Hält der Frieden also über Weihnachten, womöglich bis ins kommende Jahr? Wäre es gar denkbar, dass Saddam Hussein kühl kalkulierend einlenkt: Er gibt die veralteten Waffen und Anlagen preis und die vermuteten Rüstungsprogramme auf, düpiert so Amerika – und ist bald alle Sanktionen los? Dann könnte er wieder ungebunden agieren.

Nur: Wer glaubt daran? Die beruhigenden Erfahrungen der ersten Tage haben wenig Aussagekraft. Sie lagen im Plan beider Seiten. Weder wollte Saddam Amerikaner und Briten gleich zu Beginn einen provokativen Vorwand liefern. Noch hatten die Inspekteure vor, mit den unangenehmsten Kontrollen zu beginnen, schon gar nicht mit den so genannten privaten Palästen des Diktators, in denen Geheimlabors vermutet werden. Erstmal geht es darum, Misstrauen und Bitterkeit ein wenig abzubauen.

Die Zumutungen kommen später. Und umso sicherer. Schon Ende kommender Woche ist so ein Stichtag. Am 8. Dezember muss Bagdad seine Liste aller Waffen und Entwicklungsprogramme vorlegen. Und die dürfte erheblich abweichen von der Liste des Teufelszeugs, dass die Amerikaner und ihre Verbündeten im Irak vermuten. Dann fehlt nur noch ein Beweis für verheimlichtes Rüstungsgut – die Kontrollen dürften sich zuspitzen.

Mag ja sein, dass Amerika nur auf einen Vorwand für den Militärschlag wartet. Die teure Militärmacht soll nicht umsonst am Golf aufgezogen sein. Andererseits, wer zweifelt ernsthaft, dass Saddam triftige Gründe genug liefert. Kriegsfreie Weihnachten – vielleicht. Für ein friedliches Frühjahr bräuchte man fast so etwas wie: ein Wunder.

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