Atomaffäre Krümmel : Inszenierte Wirklichkeit

Die in Kiel für die Atomkraft zuständige Ministerin Trauernicht hat offenbar die Wahrheit verschwiegen, um effektvoller öffentlich agieren zu können. Gerade bei der Kernenergie ist das unverantwortlich.

Ursula Weidenfeld

Man möchte der schleswig-holsteinischen Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) nicht unterstellen, dass sie auch nur einen Moment lang daran gedacht haben könnte, aus der Pannenserie in den beiden Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel politisches Kapital zu schlagen. Denn wären die politischen Verhaltensauffälligkeiten der Ministerin, die immerhin die oberste Atomaufseherin in Schleswig-Holstein ist, eine bewusste und kühle Inszenierung gewesen, dann wäre Trauernicht nicht mehr zu halten. Eine Atomaufseherin, die der Bevölkerung die Wahrheit verschweigt, um effektvoller öffentlich agieren zu können, hätte ihre Aufgabe nicht verstanden. Gerade ein umstrittenes und mit vielen Ängsten besetztes Thema wie die Kernenergie verlangt nach echter Transparenz und aufrichtiger Informationspolitik.

Daran aber hat es Trauernicht offenbar fehlen lassen. Sie hat den Eindruck erweckt, Vattenfall arbeite bei der Aufklärung des Unfalls in Krümmel nicht mit. Der Konzern weigere sich, die Namen der Personen herauszurücken, die in der Pannen-Schicht in Krümmel im Leitstand des Kraftwerks gearbeitet hatten, klagte sie in der Landtagssitzung am 13. Juli – obwohl das Unternehmen die Atomaufsicht, also Trauernichts Ministerium, am 12. Juli darüber informiert hatte. Die spektakuläre Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft Kiel in Krümmel hätte wohl nicht stattfinden müssen, wenn die Öffentlichkeit zeitnah, transparent und ordentlich informiert worden wäre.

Ein planvolles Verschweigen lässt sich daraus nicht konstruieren. Doch auch wenn die Landtagsrede Trauernichts im besten Wissen und reinsten Gewissens gehalten worden ist: Hätte die Ministerin nicht erfahren haben müssen, dass Vattenfall die nötigen Informationen geliefert hatte? Die Annahme, dass möglicherweise Trauernicht selbst vom eigenen Haus nicht vollständig informiert wurde, ist keineswegs beruhigender. Wenn die oberste Atomaufseherin in einem Land mit zwei offensichtlich pannenanfälligen Kernkraftwerken nicht alle relevanten Fakten kennt, dann ist das ebenso kritisch zu bewerten wie die Strategie eines Stromkonzerns, die relevanten Fakten erst einmal zu verschweigen. Vattenfall hat die Konsequenzen aus dem Informationsdesaster gezogen. Die schleswig-holsteinische Landesregierung hat das bisher noch nicht getan.

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