Atomare Abrüstung : Stark genug für den Verzicht

Auf lange Sicht kann die Welt durch diese ersten April-Tage tatsächlich sicherer werden. Rüsten die USA und Russland kräftig ab, reduzieren sie nicht nur rein rechnerisch die Gefahr, dass nukleares Material in die falschen Hände gerät. Sie erhöhen auch die moralische Autorität im Dialog mit Ländern wie dem Iran.

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Es ist ein selbstbewusstes Zeichen, das von Prag aus in die Welt gesendet wird. Die USA und Russland haben sich nach langem Ringen darauf geeinigt, gemeinsam einen Großteil ihrer Atomwaffen zu verschrotten. Wenn es stimmt, dass sich unangreifbar fühlt, wer über atomare Waffen verfügt – siehe Nordkorea, das „die Bombe“ bereits besitzen könnte, siehe Iran, der danach mit aller Macht und allen Konsequenzen strebt –, dann stimmt auch der Umkehrschluss: Wer ganz oder teilweise darauf verzichtet, macht sich angreifbarer. Offenbar fühlen sich die Vereinigten Staaten und Russland wieder stark genug, um sich selbst zu schwächen. Das ist ein historischer Moment; allen Unkenrufen zum Trotz, dass das Abkommen jederzeit gekündigt und neue Waffen dann wieder gebaut werden könnten.

Die vergangene Dekade war aus Sicht der Abrüstungsbefürworter eine verlorene. Zu groß war das Trauma des 11. September 2001. Vor allem für die USA, die zum ersten Mal überhaupt auf dem eigenen Kontinent angegriffen wurden. Übrigens auf durchaus „konventionelle“ Art und Weise. Doch plötzlich war nichts mehr ausgeschlossen, die Angst war da, und Amerika zog mit seinen Verbündeten in den Krieg, um nicht tatenlos trauern zu müssen. Für Abrüstungsgedankenspiele, geschweige denn konkrete Schritte in diese Richtung, war lange kein Platz. Die Bush-Regierung hatte andere Prioritäten. Doch der Wind hat sich gedreht.

Im Weißen Haus regiert nun ein Friedensnobelpreisträger, der sich diese Auszeichnung zum Zeitpunkt der Verleihung zwar erst noch verdienen musste. Seiner Vision von einer atomwaffenfreien Welt, die er vor einem Jahr ebenfalls an der Moldau gezeichnet hat, kommt er mit diesem 8. April aber ein Stück näher. Dass das Ziel wohl nicht mehr zu seinen Lebzeiten erreicht wird, ist Barack Obama bewusst. Dass die Welt auch mit diesem Start- Nachfolgeabkommen noch keine andere ist, zeigen die andauernden Kriege im Irak und Afghanistan. Und das zeigt seine am Dienstag verkündete neue Nuklearstrategie, in der der US-Präsident auch künftig nicht auf die Möglichkeit eines atomaren Erstschlages verzichten will. Obamas Mission ist noch lange nicht beendet. Die nächste Aufgabe wartet bereits in der kommenden Woche auf ihn, wenn er mehr als 40 Staatenlenker in Washington empfängt, um mit ihnen über nukleare Sicherheit zu sprechen.

Denn das ist die drängende, wenn nicht die drängendste Herausforderung: zu verhindern, dass spaltbares Material im Untergrund verschwindet und womöglich an durchgeknallte Terroristen verscherbelt wird. Interessenten dafür gibt es genug. Und vorgekommen ist es Experten zufolge schon viel zu oft. Ein wirkliches Gegenmittel ist noch nicht gefunden. Vor allem nicht mit Blick auf so instabile Atommächte wie Pakistan. Hier muss der Friedensnobelpreisträger erst noch zeigen, was er kann.

Doch auf lange Sicht kann die Welt durch diese ersten April-Tage tatsächlich sicherer werden. Die USA und Russland verfügen derzeit über 95 Prozent aller Atomwaffen. Rüsten sie kräftig ab, reduzieren sie nicht nur rein rechnerisch die Gefahr, dass nukleares Material in die falschen Hände gerät. Sie erhöhen auch die moralische Autorität im Dialog mit Ländern wie dem Iran. Wer andere davon abhalten will, nach der Bombe zu streben, kann dies umso überzeugender tun, wenn er selbst nicht zu sehr an ihr hängt. Der Besitz der Bombe bringt keine Selbstachtung. Der Verzicht auf sie schon.

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