Atomausstieg : Ende einer Spaltung

von

Nun also auch die CSU. Der bayerische Umweltminister Markus Söder darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn bald in seinem Garten ein Minarett steht. „Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie, heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, müssen sich nicht wundern, wenn sie irgendwann ein Minarett im Garten stehen haben“, hatte er vor Monaten geätzt. Jetzt ist Söder leidenschaftlich dafür, die Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten. Aber wer wollte Politikern absprechen, ihre Meinung zu ändern? Selbst CSU-Chef Horst Seehofer kann es gar nicht schnell genug gehen – und das in Bayern, wo die meisten Atomkraftwerke stehen und sechzig Prozent des Stroms aus Kernspaltung kommen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt erkennen, dass 2022 ein „richtiger Zeitraum“ für den Atomausstieg ist. Das wäre dann nur ein Jahr später, als die rot-grüne Bundesregierung vor zehn Jahren vereinbart hatte.

Die Energieunternehmen sitzen jetzt ganz allein auf ihrem Ende der Wippe, und alle anderen drängen sich auf der anderen Seite: Die lassen wir nicht mehr runter! Und selbst die empörte Frage der Grünen, wer hat’s erfunden?, geht unter. So viel Einigkeit gab es in der Republik nicht mal bei der Deutschen Einheit, und die ist mehr als zwanzig Jahre her. Deutschland – die Konsensrepublik. Über Nazis sind wir hinweg, die Aufregung über die Geschichts-Relativierer ist nur ferne Erinnerung, und niemals werden Bildungspaket, Hartz-IV-Erhöhung oder Bundeswehrreform die Gefühle so in Wallung bringen wie die Atomkraft. Nein, das Ende der Geschichte ist das nicht, aber das gefühlte Ende einer deutschen Konfrontation, mit der eine ganze Protest-Generation aufwuchs. Wir müssen den Abschied von einem Gefühl konstatieren, in dem es noch unverbrüchliche Gegnerschaften und damit feste Verortungen gab. Jetzt müssen wir nur noch gemeinsam ein Endlager finden. Nicht in Bayern, sagt Seehofer. Gottlob, wenigstens darüber können wir noch streiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben