Atomausstieg : Schneller raus, länger dran

Der Rückzug aus der Atomenergie läuft in die falsche Richtung. Die Energieversorger kämpfen ausgerechnet bei unsicheren alten Meilern um längere Laufzeiten - und nicht bei neuen, sichereren Kraftwerken.

Fabian Leber

Als vor sieben Jahren der Atomkonsens beschlossen wurde, da schien es, als hätten auch die Energieversorger ihren Frieden mit dem Ausstieg gemacht. Sie respektierten die politische Entscheidung, geordnet aus der Atomenergie auszusteigen. Doch von einem geordneten Rückzug kann keine Rede sein. Die Betreiber versuchen nicht nur mit Anträgen auf Laufzeitverlängerung, den Ausstieg zu verzögern. Sie wollen notfalls sogar auf dem Klageweg eine längere Lebensdauer ihrer Reaktoren durchsetzen.

Die öffentliche Akzeptanz der Risikotechnologie Atomkraft werden die Konzerne damit nicht erleichtern. Ausgerechnet jene Kraftwerke sollen weiterlaufen dürfen, die schon seit Jahren als besonders störanfällig gelten: Brunsbüttel, Biblis A und B und Neckarwestheim I. Im Fall Brunsbüttel ermittelt inzwischen nicht nur die Atomaufsicht, sondern auch die Landesbaubehörde. Vieles deutet deshalb darauf hin, dass die alten Meiler Mängel aufweisen, die sich nicht einfach durch Nachrüstung beheben lassen. In der Mängelliste zu Brunsbüttel sind sogar Sicherheitslücken aufgeführt, die eigentlich schon beim Bau des Kraftwerks hätten erkannt werden müssen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass in Brunsbüttel durchschnittlich sechsmal so viele Störfälle passieren wie im Kraftwerk Isar II in Bayern, einem der neuesten Reaktoren Deutschlands.

Notwendig sind deshalb keine juristischen Winkelzüge, notwendig wäre ein neuer Ausstiegskonsens. Der Vorschlag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, mit den Betreibern über konkrete Ausstiegstermine zu reden, geht da in die richtige Richtung. Wenn – wie jetzt in Biblis – zwei Reaktoren ein ganzes Jahr lang wegen Baumängeln stillstehen, stellt sich selbst für die Konzerne die Frage, wie sinnvoll der Weiterbetrieb von störanfälligen 70er-Jahre-Reaktoren noch ist. Umgekehrt darf sich aber auch Gabriel nichts vormachen. Wie schon beim ersten Atomkonsens wird die Politik den Betreibern auch diesmal entgegenkommen müssen, um ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen.

Warum nicht die alten Meiler schneller schließen – und neuere Reaktoren mit besseren Sicherheitsstandards länger laufen lassen? Möglicherweise werden die Konzerne von Gabriel dafür eine höhere Reststrommenge fordern. Das wird ihm, dem Gralshüter des rot-grünen Atomausstiegs, schwerfallen. Doch es wäre ein Kompromiss, dem auch die Union zustimmen könnte. Denn auch dort ist das Vertrauen in die Atomkraft nicht ungebrochen.

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