Atomkatastrophe : Fatale Verkettung unglücklicher Umstände

Schuld ist eine nicht vorhergesehene Verkettung unwahrscheinlicher Ereignisse: Die Atomkatastrophe in Japan widerlegt jedes Sicherheitskonzept.

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Japan steht am Rande eines nationalen Super-GAUs. Schuld daran ist, wie bei den meisten Katastrophen, eine nicht vorhergesehene Verkettung unwahrscheinlicher Ereignisse.

Das Erdbeben hatte die externe Stromversorgung des Kernkraftwerkes Fukushima Dai-ichi unterbrochen, dann überflutete der Tsunami die Notstromaggregate. Als acht Stunden später auch noch die Batterien leer waren, fielen die Pumpen der Wasserkühlung aus. Seitdem versuchen die Hilfsmannschaften, mit behelfsmäßig angeschlossenen Feuerwehrschläuchen Meerwasser in die überhitzten Reaktoren zu pumpen. Doch dafür müssen sie von Zeit zu Zeit den Wasserdampf ablassen, um den Druck im Reaktorkern zu senken. Dass dadurch auch geringe Mengen Radioaktivität entweichen, ist noch keine Katastrophe.

Problematisch wird diese Notmaßnahme jedoch, wenn die Brennstäbe stark überhitzt sind. Ab etwa 1000 Grad reagiert deren Umhüllung, die aus einer Zirkonium-Legierung besteht, mit Wasserdampf zu leicht entzündlichem Wasserstoff. Als sich beim Druckablassen der Wasserstoff mit Luftsauerstoff mischte, kam es zur Explosion. In den Blöcken 1 und 3 rissen die Detonationen zwar die äußeren Gebäudedecken weg, den Druckbehältern und ihrer massiven Ummantelung aus Stahl und Beton (Containment) konnte diese „Knallgasreaktion“ jedoch nichts anhaben.

Als es Dienstagfrüh dann auch in Block 2 zur Explosion kam, passierte etwas Unerwartetes: Aus unbekannter Ursache wurde ein Teil des Druckbehälters beschädigt, seitdem tritt Radioaktivität aus dem Reaktorkern aus.

Wirklich gefährlich wurde die Situation dann durch ein Ereignis, bei dem gar kein Kernreaktor betroffen war. Im Abklingbecken für verbrauchte Kernbrennstäbe des Blocks 4 der Fukushima-Anlage brach ein Feuer aus. Wahrscheinlich hatte sich auch hier Wasserstoffgas gebildet, weil das Kühlwasser im Becken nicht nachgefüllt wurde und sich die Brennelemente durch die simple „Zerfallswärme“, die jeder hochradioaktive Stoff erzeugt, langsam überhitzten. Im Gegensatz zu den Reaktoren sind die Abklingbecken jedoch nicht durch ein Containment geschützt, sondern liegen im obersten Stockwerk des Komplexes direkt unter der Hallendecke.

Dementsprechend verursachte der Brand des Atommülls eine rund tausendmal höhere Strahlenbelastung als zuvor das Ablassen des radioaktiven Dampfes. Nach dem Brand, der zum Glück schnell gelöscht werden konnte, wurden auf dem Werksgelände Spitzenwerte von 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Bei dieser Strahlenbelastung wäre bereits nach drei Minuten die in Deutschland zulässige Jahresdosis für Akw-Mitarbeiter erreicht, nach etwa zwei Stunden treten akute Krankheitserscheinungen auf. Die Behörden ließen daraufhin das Werksgelände evakuieren. Von den ursprünglich über 800 Helfern konnten nur noch rund 50 in Schutzanzügen weiterarbeiten.

Dass es vier Tage nach der Abschaltung noch zu einer massiven Kernschmelze und zur Freisetzung großer Mengen von Radioaktivität wie beim Tschernobyl-Unglück kommt, ist trotz allem sehr unwahrscheinlich. Im Gegensatz zum Tschernobyl-Reaktor, der bei voller Leistung explodierte, ist in Fukushima bei allen drei Reaktoren die nukleare Kettenreaktion unterbrochen. Es besteht Hoffnung, dass die jetzt noch produzierte Nachwärme in den Griff zu bekommen ist und die vollständige „Kaltabschaltung“ gelingt.

Trotzdem sollte dies kein Grund zur Beruhigung sein. Fukushima zeigt einmal mehr das Grundmuster, nach dem Katastrophen entstehen: Es ist nicht die bloße Dimension eines Einzelereignisses, sondern eine nicht vorhergesehene Verkettung mehrerer Faktoren, die alle Notfallpläne überlistet. Die Kombination von Erdbeben und Tsunami in Japan hätte man wohl einplanen können (und müssen). Aber wer hätte vorhergesagt, dass sich simpler Atommüll entzündet und durch die freigesetzte Radioaktivität gleich drei Reaktoren gleichzeitig gefährdet, weil diese gerade mit improvisierten Feuerwehrschläuchen von Hand gekühlt werden?

Das Konzept vom GAU, dem „größten anzunehmenden Unfall“, für den Akw auch hierzulande ausgelegt sein müssen, muss deshalb überarbeitet werden. Nicht die Größe, sondern die Kombination der Ereignisse führt zur Katastrophe. Einen Kernreaktor, für den keine fatale Verkettung unglücklicher Umstände denkbar ist, gibt es aber nicht. Deshalb muss der Super-GAU, die Freisetzung großer Mengen Radioaktivität in die Umgebung, als Szenario in die Planung einbezogen werden. Doch wer will dann noch einen Kernreaktor als Nachbarn haben?

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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