Meinung : Atomkraft braucht keinen Terror, um riskant zu sein

Dagmar Dehmer

Zu jeder anderen Zeit hätte sich Umweltminister Trittin über diese Atomskandale freuen können. Aber dass ausgerechnet jetzt ernste Sicherheitsprobleme in den Atomkraftwerken Philippsburg II, Isar I und Biblis offenbar wurden, kann ihm nicht recht sein. Noch hat die Erkenntnis, dass sich auch die 19 deutschen Atomkraftwerke gegen Selbstmordattentate wie in New York nicht schützen lassen, zu keiner neuen Ausstiegsdebatte geführt. Abwegig wäre sie nicht.

Nach einer ersten Einschätzung der Reaktorsicherheitskommission wäre sie vielleicht sogar geboten. Denn auch das rasche Abschalten, das Trittin als möglichen Schutz ins Spiel gebracht hat, hilft lediglich, ein paar Stunden Zeit zu gewinnen. Das spaltbare Material kann nicht von heute auf morgen aus den Reaktoren geschafft werden. Doch Trittin will auf keinen Fall den mühsam ausgehandelten Atomkonsens in Frage stellen. Und ausgerechnet jetzt bringt sich die Atomenergie als Alltagsrisiko wieder ins Gespräch. Dabei haben die Betreiber stets beteuert: Alles ist unter Kontrolle. Nur das Personal ist unterdessen etwas sorglos geworden, wie die Vorfälle in Philippsburg und Ohu beweisen. In Biblis etwa wurde Rost im Kühlkreislauf gefunden. Der größte anzunehmende Unfall (Gau) wäre also auch ganz ohne Terror möglich, im Normalbetrieb. Und genau deshalb hat Trittin mit diesen Pannen ein Problem. Noch vor zwei Monaten hätte er sich als Kontrolleur in Szene setzen können. Jetzt sind die Pannen höchstens ein weiteres Argument, noch einmal über die langen Restlaufzeiten zu diskutieren.

Im Gegensatz zu Trittin haben andere Grüne das Risiko erkannt. Der Parteivorsitzende Kuhn will zumindest über die Laufzeit älterer Reaktoren, die nicht einmal gegen die Abstürze von Militärflugzeugen gesichert sind, noch einmal verhandeln. Die Grünen haben in dieser Debatte wenig zu gewinnen. Trittin zieht daraus die Konsequenz, den Ball möglichst flach zu halten. Fritz Kuhn redet über die Risiken und hofft, keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen. Beide Strategien sind riskant.

Die Taktik der Kraftwerksbetreiber, das Risiko zur Kenntnis zu nehmen und gleichzeitig vor Panikmache zu warnen, ist allerdings eine Frechheit. Der Hinweis, dass dann auch Chemiefabriken oder Raffinerien nicht mehr betrieben werden dürften, hat auf den ersten Blick etwas für sich. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, welche der leichten Ziele für Terroristen diese Gesellschaft tatsächlich dringend braucht? Und welche dieser leichten Ziele das größte Zerstörungspotenzial bergen. Im Falle von Atomkraftwerken ist die Frage leicht zu beantworten. Die Technologie soll in Deutschland ohnehin auslaufen. Und wird ein Atomkraftwerk getroffen, könnte die Katastrophe kaum größer sein. Weniger einfach zu klären ist, wie schnell und zu welchem Preis der Ausstieg aus diesem "Restrisiko" möglich ist.

Die Bundesregierung kann diese Fragen allerdings kaum noch stellen. Eben weil sie sich auf den Atomkonsens eingelassen hat. Verlässt sie ihn, könnte die friedliche Nutzung der Kernenergie in Deutschland noch einmal zum politischen Sprengsatz werden. Ist sie zu diesem politischen Risiko nicht bereit, muss sie sich fragen lassen, ob sie den Atomkonsens nach dem 11. September überhaupt noch verantworten kann. Kein Wunder, dass niemand darüber reden will.

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