Atomkraft : Strahlende Zukunft

Viele Länder kündigen den Bau neuer Atomkraftwerke an – wirtschaftlich ist das Unsinn.

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Atomkraftgegner formen am vor dem Atomkraftwerk Krümmel aus Ballonschläuchen ein Radioaktivitätszeichen.
Atomkraftgegner formen am vor dem Atomkraftwerk Krümmel aus Ballonschläuchen ein Radioaktivitätszeichen.Foto: ddp

Alle Welt will Atomkraftwerke bauen – nur Deutschland nicht. Die Absichtserklärungen aus Italien, Finnland, Schweden, Großbritannien, den USA oder Ägypten, Libyen oder Kenia klingen, als würde demnächst ein wahrer Bauboom für neue Reaktoren ausbrechen.

Die Realität sieht anders aus: Zwar sind derzeit weltweit 44 Atomkraftwerke im Bau. Davon sind einige allerdings schon seit 20 Jahren im Bau. Gleichzeitig gehen jedes Jahr alte Anlagen vom Netz. Deshalb fleht die Internationale Energieagentur (IEA), die sich bis 2050 eine nukleare Kapazität von 1200 Gigawatt weltweit wünscht, die Regierungen sollten doch die politischen Rahmenbedingungen auf Atomkurs bringen. Außerdem sollten sie zumindest Staatsbürgschaften für den Neubau von Meilern gewähren.

Weltweit existiert derzeit eine nukleare Stromerzeugungskapazität von etwa 370 Gigawatt, das sind circa 14 Prozent des weltweiten Strombedarfs. Die erneuerbaren Energien decken schon heute ein Vielfaches dieser Menge. Wenn die IEA-Hoffnungen erfüllt werden sollten, bräuchte es nicht nur Staatsbürgschaften, sondern vermutlich müssten die Stromkonzerne gleich ganz verstaatlicht werden. Das seit Jahren im Bau befindliche finnische Atomkraftwerk Olkiluoto 3 ist um etwa drei Jahre im Verzug. Die Kosten für diesen ersten europäischen Druckwasserreaktor der französisch-deutschen Firma Areva-Siemens liegen um etwa die Hälfte über dem Plan. Das Prognos-Institut schätzt die Gesamtkosten auf rund 5,3 Milliarden Euro. Dass Finnland nun beschlossen hat, noch weitere Atomkraftwerke bauen zu wollen, dürfte nur dem Umstand geschuldet sein, dass die Regierung den Meiler zum Festpreis gekauft hat. Die Mehrkosten erhöhen das Defizit bei Areva.

In einer Moody’s-Studie vom vergangenen Jahr wird Investoren vor einem Engagement beim Bau eines Atomkraftwerks dringend abgeraten. Die Kapitalkosten seien unkalkulierbar hoch, das Geld ist mindestens 20 Jahre gebunden. Erst wenn die Meiler abgeschrieben sind, werden sie zu den Gelddruckmaschinen, um die die deutschen Betreiber derzeit kämpfen. Strom aus einem neuen Meiler kostet zwischen acht und 12 Cent pro Kilowattstunde, aus einem neuen Gaskraftwerk nur 6,5 Cent.

Neben den Kosten gibt es Sicherheitsbedenken, wenig Akzeptanz in der Bevölkerung, keine Lösung für den Atommüll. Und dann ist da noch die Proliferation, also die Nutzung des Wissens für den Bau von Atomwaffen. Immer mehr Entwicklungsländer gewinnen Geschmack an der Atomkraft. Sie haben am Beispiel des Iran gesehen, dass, wer über Nukleartechnik verfügt, international ernst genommen wird – eine starke Motivation.

Unter den Bedingungen eines freien Energiemarktes wird die Atomenergie ein Nischenprodukt bleiben. In Großbritannien, das neue Standorte benannt hat, haben RWE und Eon, die dort gemeinsam bauen wollen, die Regierung gebeten, den Anteil erneuerbarer Energien im Stromnetz klein zu halten. Andernfalls lohne sich der Neubau eines Atomkraftwerkes nicht.

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