Atomstreit mit Iran : DDR im Balkan

Wie Berlin den Streit um Kosovo lösen und zugleich im Irankonflikt vorankommen will.

Christoph von Marschall

Es steht auf Messers Schneide. In dreieinhalb Wochen erlebt die Welt entweder einen überraschenden Moment konstruktiver Einigkeit Russlands mit dem Westen. Oder neuen Streit, der den Zusammenhalt der EU und des Bündnisses mit den USA auf die Probe stellt. Kreative deutsche Diplomatie soll die Wende bringen. Kann sie sich behaupten gegen balkanischen Chauvinismus und russischen Stolz?

Bis zum 10. Dezember soll endgültig über die Zukunft des Kosovo entschieden werden. Die Albaner dort fordern ihre Souveränität, ein Weiterleben in einer serbischen Provinz Kosovo ist für sie unzumutbar, nachdem Diktator Slobodan Milosevic seine Herrschaft 1999 durch einen Krieg gegen die Albaner dort zu retten suchte. Serbien ist dagegen, es sieht im Kosovo die Wiege seiner Staatlichkeit, obwohl dort fast nur Albaner leben, denn im Kosovo stehen die ältesten serbisch-orthodoxen Klöster. Russland unterstützt Serbien. Die Ex-Provinz steht seit Jahren unter UN-Hoheit. Im Frühjahr war der eigentlich „letzte“ UN-Vermittlungsversuch unter dem Finnen Martti Ahtisaari gescheitert.

Seit dem Sommer moderiert eine Troika (EU, USA, Russland) einen „allerletzten“ Anlauf. Für die EU verhandelt einer der fähigsten deutschen Diplomaten, Wolfgang Ischinger. Er greift in die Trickkiste der deutschen Geschichte. Wie zwischen Bundesrepublik und DDR ist die Statusfrage das unüberwindliche Hindernis. Klar ist aber, dass Serbien und Kosovo in vielem kooperieren müssen, von Energie- und Verkehrsinfrastruktur bis Verbrechensbekämpfung und Minderheitenschutz. Gestern warb Ischinger im US-Außenministerium für diesen Ausweg: Wie im innerdeutschen Grundlagenvertrag 1972 sollen Serbien und Kosovo ein Abkommen schließen, das praktische Fragen regelt, ohne Aussagen über den Status zu machen. Die Albaner müssten vorerst auf die Eigenstaatlichkeit verzichten, die Serben dafür akzeptieren, dass Kosovo keine ihrer Provinzen mehr ist. In ferner Zukunft könnte ein EU-Beitritt beider den Statusstreit lösen.

Der Kompromiss hätte unschätzbare Vorteile – für Kosovo und Serbien, aber auch für die Weltpolitik. Lange hat es keinen gemeinsamen russisch-amerikanischen Verhandlungserfolg mehr gegeben. Er würde andere Konflikte wie den um Irans Atomprogramm positiv beeinflussen. Teheran müsste wohl einlenken, wenn Moskau und der Westen sichtbar an einem Strang zögen. Europa würde eine neue Spaltung vermeiden, die unweigerlich folgt, wenn der Kosovokompromiss scheiterte. Dann erklärt Kosovo seine Unabhängigkeit, die USA würden anerkennen und mit ihnen rund 20 EU-Staaten, vier bis sieben dagegen nicht.

Europa und die USA wollen den gemeinsamen Erfolg der Troika. Aber will ihn auch Wladimir Putin, oder spielt er wenige Monate vor der Wahl lieber die nationale Karte des Widerstands gegen den Westen? Sagt Moskau Ja zum Ischinger-Plan, kann Serbien ihn kaum ablehnen. Die Erfahrungen mit dem Balkan und mit Russland lehren freilich, dass Emotionen dort oft stärker sind als die Vernunft.

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