Meinung : Auch der Atheismus kann zur Religion werden

Erste Erfahrungen mit dem Pflichtfach Ethik an den Berliner Schulen Von Klaus Mertes

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Der Berliner Senat hat mit dem Schuljahr 2006/2007 das Fach „Ethik“ als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse eingeführt. Der Entscheidung ging ein langer Streit mit den Kirchen voraus, die sich für ein Wahlpflichtfach „Ethik/Religion“ ab der 7. Klasse ausgesprochen hatten; die Schüler sollten zwischen Religion und Ethik wählen können.

Die ersten Erfahrungen zeigen: Die Meldungen für den freiwilligen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen gehen zurück; hinzu kommt, dass die Zeitnot, welche der gegenwärtige bildungspolitische Reformzirkus verursacht, immer mehr Schulleitungen dazu zwingt, den Religionsunterricht in die Randzeiten abzudrängen. Der Andrang auf die kirchlichen Schulen nimmt zu, da es nun einen weiteren Grund für viele Eltern gibt, staatliche Schulen zu meiden.

Viele Lehrer, die das neue Fach unterrichten, kommen aus anderen Fachbereichen als Philosophie oder Theologie und haben sehr kurzfristig umgeschult. Andere sind „Philosophie“-Lehrer, die schon einmal einen staatlich organisierten Weltanschauungsunterricht gelehrt haben. Die Frage, wie sich das Lehrpersonal langfristig entwickelt, ist offen. Die Berliner Politik hat mit der Einführung des Faches Fakten geschaffen, die schwer rückgängig zu machen sind. Hinter der Entscheidung stehen gesellschaftliche Entwicklungen, Einstellungen und neue Entscheidungssituationen, die nun besser sichtbar werden.

Nach den entsprechenden Urteilen des Verwaltungsgerichtes wurde vor einigen Jahren die „islamische Föderation“ als Träger von (freiwilligem) Religionsunterricht an staatlichen Schulen anerkannt. Konkreter Auslöser für die Entscheidung zum Pflichtfach Ethik war dann der sogenannte Ehrenmord an einer Tochter der türkischen Familie Sürücü im Sommer 2004. Das neue Fach wurde in einer Stimmung von Panik und Entsetzen beschlossen. „Ethik“ soll nun verhindern, dass undurchsichtige Träger mit archaischen Ehrbegriffen und anderen ungeklärten Lehrinhalten in den Schulen Platz erhalten. Im Gefühl der Schwäche wird nach dem Staat gegriffen, der nun selbst das Thema Religion und „Werte“ in die Hand nehmen soll.

Die Kirchen haben bewusst auf eine Perspektive gesetzt, bei der auch islamische Träger von ordentlichem schulischen Unterricht mitbedacht sind. Die Chance eines integrativen Unterrichts– und Schulkonzept, das auch Muslime (und Christen) als Subjekte einbindet, ist zunächst vertan worden.

Sehr viele Politiker blicken erstaunlich ignorant auf das Thema Religion. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Begriff „Toleranz“; sie wird als Lernziel in vielen Äußerungen gegen Religion ausgespielt, statt den Religionen selbst die Chance zu lassen, Gewalt als Verrat am eigenen Ursprung zu deuten. Gleichzeitig wird die Religionskritik der europäischen Aufklärung (besonders die des 19. Jahrhunderts) zur Konfession erhoben, so als hätte diese nicht ihre intoleranten, gewalttätigen Seiten gehabt, bis hin zum Atheismus als Religion, wie wir ihn in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts erlebt haben. Im übrigen hat „Ethik“ als eine Disziplin der europäischen Philosophie nicht nur eine religionskritische Seite, sondern auch eigene Zugänge zur Gottesfrage. Und schließlich lässt sich konfessioneller Religionsunterricht ohne Religionskritik gar nicht unterrichten. All dies wird unterschlagen, wenn über die Inhalte von „Ethik“ und „Religion“ gesprochen wird.

Interessant wird sein, wie sich das Lehrpersonal für das neue Fach langfristig entwickelt. Das konzeptionelle Dilemma von „Ethik“ wird in dem Moment deutlich werden, wenn etwa kirchliche Christen die staatliche Lehrbefähigung für dieses Fach erwerben und es dann unterrichten. Konkrete Personen prägen durch das, was sie als Persönlichkeit ausstrahlen, mehr als jedes Curriculum. Wird das dann im Sinne der Erfinder des Faches Ethik sein? Oder umgekehrt gefragt: Läge da nicht ein Vision für einen Neuaufbruch von Christen in einer nicht mehr christentümlichen Gesellschaft?

Die Kraft der Kirche hängt nicht an der Subventionierung durch den Staat. Vom Rand her kann sie sich neu als eine eigenständige, zivilgesellschaftliche Kraft formieren, die allerdings eines nicht aus den Augen verlieren darf: Alle Kinder und Jugendlichen haben einen Anspruch, dass sie die Frage nach Gott im Rahmen der Bildung, die sie erhalten, reflektieren lernen.

Der Autor ist Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin.

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