• Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich Ob DDR, ob Nazi-Reich: Im Rückblick verklären die Menschen das normale unpolitische Leben/Von Günter Nooke

Meinung : Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich Ob DDR, ob Nazi-Reich: Im Rückblick verklären die Menschen das normale unpolitische Leben/Von Günter Nooke

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Vor kurzem wurde ich in dieser Zeitung für eine provokante Frage kritisiert, die ich im Zusammenhang mit den so genannten OstalgieShows gestellt hatte: „Was wäre in diesem Land für ein Geschrei, wenn nicht Kati Witt eine DDR-Show, sondern z. B. Johannes Heesters eine Dritte-Reich-Show moderieren würde?“

Mir wurde entgegengehalten, genau dies habe ja in der alten Bundesrepublik stattgefunden. Es seien schon in den fünfziger Jahren wieder alte Ufa-Filme gezeigt worden. Und diese hätten im NS-Reich nur dem Zweck gedient, die Menschen abzulenken und deren Hirne zu vernebeln, gewissermaßen als Teil der umfassenden Kraft-durchFreude-Ideologie. Nun ist das letztere wohl nicht zu leugnen, und man müsste gerechterweise fragen, ob nicht auch so mancher DDR-Unterhaltungsfilm ideologischen Zwecken zu dienen hatte.

Übrigens: Dieses Bedürfnis nach den Leinwandidolen der NS-Zeit versuchte auch das „antifaschistische“ DDR-Fernsehen zu stillen. Viele Jahre zeigte Willi Schwabe im Montagabend-Programm aus seiner „Rumpelkammer“ Filmausschnitte vorwiegend aus dem Repertoire der Ufa-Produktionen der dreißiger und vierziger Jahre. Das war weder Zufall noch Ausdruck von Liberalität seitens der SED. Und genauso wurden übrigens DDR-Filme mit den vertrauten Gesichtern in zumindest allen dritten Programmen im Osten auch nach 1990 gezeigt.

Mir geht es bei dieser Debatte aber um einen fundamentalen Unterschied: den, ob man Heinz Rühmann und die vielen anderen Kinolieblinge der dreißiger und vierziger Jahre einfach in ihren Filmen wieder sieht oder ob diese Filme im Rahmen einer Sendung ausgestrahlt werden, die auch mit den äußerlichen Symbolen des untergegangenen, verbrecherischen Regimes aufwartet. Ein Moderator in HJ-Uniform, ob im öffentlich-rechtlichen oder privaten Fernsehen, ist schwer vorstellbar. Aber das angeblich schönste Gesicht des DDR-Sozialismus posiert im Fernsehen mit Halstuch und Pionierbluse und wirbt mit FDJ-Hemd für eben diese DDR-Show des Senders.

Doch die Sache ist noch komplizierter. Ich bin nicht gegen diese DDR-Shows. Sie müssen nicht einmal versuchen, politisch überkorrekt zu sein, sondern vor allem gut und professionell gemacht sein. Ich glaube nämlich: Die Menschen haben ein Recht auf ihre Erinnerungen! Diese Alltagserfahrungen der Menschen sind auch in Diktaturen für den „normalen Bürger“ nicht primär durch Politik geprägt. Wer nicht bewusst politisch dachte und handeln wollte, wer nicht die Grenzen des Systems wirklich austestete oder wer einfach nur durch naives, unbewusstes Handeln an die Grenzen des in der SED-Diktatur Erlaubten stieß, lebte selbst im Unrechtsstaat DDR weitgehend unbehelligt.

Es gibt zwei unterschiedliche Sichten auf die DDR-Gesellschaft, wie auf jede andere Gesellschaft auch: Einerseits konnte man von außen unschwer das totalitäre System als Unrechtsstaat analysieren. Andererseits konnte der Einzelne, aus der Innenperspektive ganz andere Erfahrungen machen, wenn er sich mit den vom System gesetzten Grenzen abfand oder diese gar nicht bewusst verspürte. Und das war die übergroße (unpolitische) Mehrheit der Menschen. Ich glaube, wir müssen dieses Faktum akzeptieren, auch wenn ich mir gewünscht hätte, das sich mehr Menschen gegen das Unrechtssystem engagiert hätten.

Die DDR war ein Unrechtsstaat und das SED-Regime eine Diktatur. Hohe Einschaltquoten für solche Sendungen sagen noch nichts darüber aus, wie die meisten Menschen das politische System dieser vergangenen Diktatur einschätzen. Die DDR-Shows wollen kein politisches Oberseminar zur SED-Diktatur sein. Sie behandeln das konkrete Leben der Menschen mit ihren Erfahrungen im Alltag, in der Familie, mit Freunden und im Beruf. Die konkreten Erinnerungen betreffen nicht zuerst das abstrakte politische System, sondern das normale Leben.

Dieses Leben ist für den größeren Teil der Bevölkerung in diktatorischen wie demokratischen Systemen menschlich, allzu menschlich. Nur – und da wird es wieder kompliziert und missverständlich – das trifft wohl auch auf die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern im Dritten Reich zu, selbst zu einer Zeit, als die Ostfront schon stand und der industrielle Massenmord an den Juden in schrecklichster Weise stattfand.

Der Autor ist in der DDR aufgewachsen und heute medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Foto: dpa

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