Meinung : Auch Mitterrand brach sein Schweigen spät

Von Pascale Hugues, Le Point

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Günter Grass, ein Mitglied der Waffen-SS! Auf uns Franzosen wirkt diese Enthüllung wie eine Farce. Grass mit seinem großen Schnurrbart, seiner Pfeife, dem gebeugten Rücken im Tweed-Jackett – und dem anklägerisch auf die verdrängte Nazi-Vergangenheit seines Landes gerichteten Zeigefinger. Günter Grass, der „gute Deutsche“.

Die Menschen brauchen „moralische Instanzen“. Sie wollen makellose, exemplarische Lebensläufe bewundern: gerade Linien ohne Schattenbereiche, ohne Abschweifungen auf krummen Pfaden.Die Tugendhaften geben uns Rückhalt, ihre Perfektion macht uns immun gegen den eigenen Zwiespalt. Sobald unsere Vorbilder allerdings die ihnen einmal zugeschriebene Rolle verraten, wird das Volk zornig. Der Bewunderung folgt die systematische Demontage: Der Held wird zum Paria.

Grass ist nicht der Einzige, der seine Bewunderer enttäuscht hat. Ich denke an François Mitterrand, der in seiner Jugend für kurze Zeit ein untergeordneter Beamter des Vichy-Regimes war, bevor er in die Résistance wechselte. Er hat nie darüber gesprochen. Aber er war nacheinander Vertrauter von Pétain und Anhänger de Gaulles. Die Franzosen waren schockiert, als sie mit Verspätung von den jugendlichen Irrwegen ihres Präsidenten erfuhren. Wie konnte ein „ehemaliger Kollaborateur“ die Hoffnungen der Linken verkörpern? Und wie kann ein ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS das „moralische Gewissen seines Landes“ sein? François Mitterrand, schreibt sein Biograf Jean Lacouture, „vereint in sich menschliche Widersprüche“. Genau wie Günter Grass. Der Fall Mitterrand stellte die Haltung der Franzosen während des Krieges infrage. Das schmerzhafte Kapitel der Kollaboration – gut vergraben im Geheimnisdickicht der Familienerinnerungen – war plötzlich grellem Tageslicht ausgesetzt. Wäre nicht denkbar, dass die Grass-Affäre genau so viel Staub aufwirbelt, weil viele alte Deutsche sich an ihre eigenen Kompromisse, ihr eigenes Schweigen erinnert fühlen? In diesem Land, in dem bei jeder Gelegenheit die Vergangenheit beschworen wird – wie viele Väter mögen es in diesem Land nicht gewagt haben, ihren Kindern mit ehrlichen Worten die Wahrheit über ihr Leben unter dem Nazi-Regime zu sagen? Im Kreis der Familie wiegen Worte mitunter noch schwerer als im öffentlichen Diskurs. Geheimnisse verdichten sich im Lauf der Jahre. Je länger man wartet, desto tiefer verstrickt man sich in Ungesagtes und Unwahres.

Grass war ein 17-jähriger Jugendlicher, den der familiäre Mief abstieß. Mitterrand, ein Milchgesicht aus guter katholischer Familie, war ein bisschen älter, aber genau so unreif. Zwei sehr junge Männer, die für kurze Zeit in den ideologischen Sog jener schwarzen Jahre gerieten. 60 Jahre später betrachten wir zwei alte Herren und ihre Jugendsünden. Wie viele alte französische Kollaborateure, wie viele alte deutsche Nazis sind in Schweigen gehüllt gestorben, wie viele haben es nachfolgenden Generationen überlassen, ihre Geschichten zu rekonstruieren, Archive zu durchwühlen, in Tagebüchern zu stöbern? Die in Deutschland erschienenen Bücher zeigen: Es sind die Kinder und Enkelkinder, die das Schweigen ihrer Väter und Großväter brechen. Zeit ist vergangen. Der Abstand erlaubt eine weniger brutale Konfrontation. Man versucht, die Generation der Väter zu verstehen, statt sie zu verdammen.

Günter Grass weiß das genau, seit er zu einer marginalen, aber wichtigen Figur in Ute Scheubs mutigem Buch „Das falsche Leben – eine Vatersuche“ geworden ist. Der Vater der Berliner Journalistin war SS-Mitglied und unfähig, über seine Vergangenheit zu reden und mit ihr zu leben. 1969 nahm er sich vor den Augen von 2000 Besuchern des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart mit einer Zyankali-Kapsel das Leben. Unter den Zeugen war auch Günter Grass. Er hat die Familie nachher besucht und ein Porträt des Verzweifelten geschrieben – ohne jemals über die eigene Vergangenheit zu sprechen.

„Er ist buchstäblich an seinem Schweigen erstickt“, schreibt Ute Scheub über ihren Vater. Liegt darin der Wunsch, selbst wieder frei zu atmen und den Kindern dies drückende Schweigen nicht zu vererben? Vielleicht ist das der Grund, weshalb manch alte Herren es wagen, ihre Geschichte, wenn auch mit Verspätung, zu erzählen.

Aus dem Französischen übersetzt von Jens Mühling.

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