Meinung : Auch sie sind Deutschland

Seit 50 Jahren lässt die Republik die Talente vieler Einwanderer brachliegen

Clemens Wergin

Als die Bundesrepublik vor 50 Jahren mit Italien den ersten Anwerbevertrag für Gastarbeiter schloss, war sich kaum jemand der Tragweite jener Entscheidung bewusst. Innerhalb von Jahrzehnten wurde aus einer Gesellschaft, die ihre Minderheiten im Zweiten Weltkrieg vertrieben und ermordet hatte und deshalb einen so geringen Grad von Diversität aufwies wie kaum eine deutsche Gesellschaft zuvor, ein buntes Gemisch von Ethnien und Religionen. Heute leben etwa 7,3 Millionen Ausländer, viele von ihnen Muslime, in Deutschland und noch einmal etwa 1,5 Millionen Menschen mit Migrantenhintergrund, die eingebürgert wurden.

Die, die einst das deutsche Wirtschaftswunder miterarbeitet haben, sind oft als Bereicherung, vielfach auch als Last empfunden worden. Kaum einer wünscht sich heute den Mief der 50er Jahre zurück, aus dessen kultureller (und kulinarischer) Eintönigkeit uns die Gastarbeiter mitbefreit haben. Zugleich kann die Gesellschaft aber nicht ignorieren, dass die Arbeitslosigkeit unter Migranten heute doppelt so hoch ist wie im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt.

Das ist beileibe kein allein deutsches Phänomen. Und die Unruhen in Frankreich haben deutlich gemacht, dass Integrationsdefizite in Deutschland weniger gravierende Folgen haben als anderswo. Strukturell jedoch ähneln sich die Probleme in den mitteleuropäischen Staaten: Sie haben in den 50ern und 60ern bildungsferne Unterschichten importiert, um den Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft und bei einfachen Handwerks- und Industrieberufen auszugleichen. In genau jenen Bereichen, die von der Globalisierung heute am meisten betroffen sind.

Dennoch ist die Geschichte der – lange verdrängten – Einwanderung weniger eine des Scheiterns, als eine der verpassten Chancen. Denn viele Migranten nutzen die weitgehenden Bildungsangebote des Staates auch in der zweiten oder dritten Generation kaum. 20 Prozent der ausländischen Jugendlichen haben gar keinen Schulabschluss, weitere 42 Prozent nur den der Hauptschule. Hier darf die Gesellschaft mehr Einsicht und Anstrengung verlangen. Denn die simple Gleichung Bildungserfolg = Berufschancen gilt für alle – verlangt aber jedem Einzelnen auch Eigenverantwortung ab. Und die fängt eben bei der Verantwortung der Eltern an, ihren Kindern schon vor der Einschulung ausreichend Deutsch beizubringen.

Ihrerseits muss auch die Gesellschaft mehr tun, damit in Schulen in Berlin-Neukölln und in Hamburg-Wilhelmsburg Migrantenkinder nicht unter sich bleiben. Hier geht es weniger um aktive Diskriminierung – auch wenn es sie durchaus gibt – als um passive Gleichgültigkeit. Sie ist einer der Gründe, warum Deutschland die Potenziale der Einwanderer nicht stärker entwickelt und genutzt hat.

Kreativität, neue Ideen und neue Produkte entstehen aus Irritationen und der Erschütterung des Althergebrachten. In diesem Sinne hat sich die deutsche Gesellschaft nicht ausreichend von den Neuankömmlingen irritieren und erschüttern lassen. In den USA bemühen sich Unternehmen, Universitäten, Verwaltung und Politik langfristig und strategisch um Minderheiten. Oft geht es darum, neue Märkte oder Wählergruppen zu erschließen. Zugleich hat sich die Sicht durchgesetzt, dass eine fremde, von anderen kulturellen Mustern geprägte Perspektive wichtige Impulse geben kann und zu vielfältigeren Ansätzen bei Problemlösungen führt.

Beides spielt in Deutschland weiter kaum eine Rolle. Die Unternehmen sind gerade erst dabei, Migranten als Kunden zu entdecken oder als „Türöffner“ für ausländische Märkte. Und was die geistigen Impulse anbelangt: Zwar beweisen deutsch-türkische Rapper, Filme- und Theatermacher immer wieder, wie viel Kreativität das Aufwachsen mit mehreren Identitäten freisetzt. Gesellschaft und Unternehmen sind aber weiter kaum bereit, sich auf die Suche nach den Talenten zu begeben, die jenseits der üblichen Karrierepfade inmitten unserer Gesellschaft schlummern. Bis sich das ändert, wird die Einwanderung in Deutschland bleiben, was sie 50 Jahre lang war: Eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten.

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