Meinung : Auch Weise sind fehlbar

„Prognosen haben kurze Beine / Die Wirtschaftsauguren geben ungeniert ihre ,Erkenntnisse‘ weiter“ von Heik Afheldt

vom 2. Dezember

Leider schießt Heik Afheldt mit seiner Kritik weit über das Ziel hinaus. Richtig ist, dass die Ausschläge der Konjunktur in den vergangenen drei Jahren viel extremer waren als vorausgeschätzt. Dies hatte gute Gründe. Denn gerade der Zeitpunkt, an dem eine Spekulationsblase platzt, und die Dynamik der anschließenden Entwicklung lassen sich nur mit großer Unsicherheit prognostizieren. Genauso wenig kann ein Arzt vorhersagen, wann eine Krebserkrankung ausbricht und wie sie verläuft. Anders als der Arzt kann der Wirtschaftsprognostiker noch nicht einmal Zeitpunkt und Dosierung der Medizin bestimmen – stattdessen muss er Annahmen über Konjunkturprogramme und Rettungspakete treffen.

Deshalb ganz auf Prognosen zu verzichten, wie es Afheldt fordert, macht keinen Sinn. Denn eine Vielzahl wirtschaftlicher Entscheidungen beinhaltet eine Einschätzung der Zukunft, ob man es will oder nicht: Bevor ich ein Haus oder ein Auto auf Kredit kaufe, mache ich mir Gedanken darüber, ob ich in dem kommenden Jahren noch Arbeit haben werde. Eine Firma investiert nur in eine neue Fabrik, falls sie erwartet, die Produkte gewinnbringend verkaufen zu können. Und wenn der Finanzminister den Bundeshaushalt für das nächste Jahr aufstellt, lässt sich dies ohne Prognosen des Wirtschaftswachstums, der Steuereinnahmen und der Sozialausgaben gar nicht machen.

Statt auf Prognosen zu verzichten, sollten die Nutzer ihre Fehlbarkeit ins Kalkül einbeziehen. Um dies zu erleichtern, weist das Ifo-Institut – wie die meisten anderen Wirtschaftsforschungsinstitute – mithilfe von Prognoseintervallen ausdrücklich auf die Unsicherheit der Vorhersagen hin. Daher geht der Vorwurf der Scheingenauigkeit ins Leere. Erst durch die mediale Verarbeitung werden die Prognosen häufig auf eine einzige Zahl reduziert. Doch das kann man nicht den Prognostikern anlasten.

Stefan Schott, Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, München

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