Meinung : Auf dem Fahrrad

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Von Ralf Döbbeling

WO IST GOTT?

Gott fährt Fahrrad. Mit Helmut, dem homo bicyclettus. Helmut hat viele Fahrräder. Mindestens eins ist immer kaputt. Zur Zeit ist es das Lastenfahrrad. Er flickt es tagsüber. Denn er fährt meistens nachts. Das Zweirad ist bepackt mit Proviant: Süßigkeiten, Kaffee, Kakao, Flickzeug und klassische Musik.

Von Helmut habe ich viel über Mozarts Opern, Händels Messias und Bachs Oratorien erfahren. Er hat sich in sie hineingedacht. Genauso wie in die Mathematik. Er sucht die Formel des Lebens. Unterwegs jagt Helmut Eisbären und lacht über die Jannowitzbrücke. Kleine Umwege, weil die Reise durch die Zeit ihn gerade an der Tanzschule der Jugend vorbeiführt, sind der direkte Weg für ihn. Wer mit ihm verabredet ist, muss Geduld haben.

Kürzlich kam er gleich mehrere Wochen zu spät. Er war bei den „Psychologen“, wie er sagt. Er braucht sie, obwohl er Händel für heilsamer hält. Ich kenne ihn aus der City-Station, dem Restaurant der Stadtmission. Neulich hat er mich überrascht. Wir betrachteten ein Bild von Jesus vor Pilatus. Sie stehen auf einem Kassettenfußboden: „Das ist ein Schachbrett. Der eine kann überall hin ziehen. Der andere nicht.“ Helmut hatte sich entdeckt, aber er sagte nicht, wer von beiden er war.

Klassische Zeichen der Nähe Gottes, wie die Predigt, helfen vielen Menschen nicht, ihn zu finden. Sie brauchen eine Berührung, ein Bild, eine Melodie. Ich glaube nicht, dass Gott etwas dagegen hat, Menschen im Alltag zu begegnen, ganz gleich wo.

Helmut fährt jetzt wieder Rad. Er übt. Und Gott fährt mit. Ich hoffe, dass Helmut den Trainingsrückstand aufholt.

Der Autor ist Obdachlosenpfarrer bei der Berliner Stadtmission und arbeitet ab Oktober im Foyer der Gedächtniskirche.

Die Kolumnen des ersten Jahres liegen jetzt als Buch vor: Wo ist Er? 52 Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“, Evangelische Hauptbibelgesellschaft; 6 Euro 90.

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