Meinung : Auf dem Sofa der Geschichte

Pascale Hugues, Le Point

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Es ist ein alter französischer Film, den wir uns anschauen, die Kinder und ich, zusammengekauert auf dem Sofa an einem verregneten Sonntagnachmittag in Berlin. Es ist ein Kinderfilm, den ich als kleines Mädchen geliebt habe. Paul, ein kleiner Waisenjunge, macht sich auf die Suche nach seiner verschollenen Mutter, quer durch das besetzte Frankreich. Die Moorlandschaft von Poitiers in SchwarzWeiß, das ländliche, friedliche Frankreich. Kinder in karierten Blusen und Baskenmützen, die um vier Uhr nachmittags aus der Schule kommen und fröhlich singen: „Marschall, hier sind wir!“ Das Frankreich Préverts und Doisneaus ruht unter dem wohlwollenden Blick von Marschall Pétain. Plötzlich zerreißt ein schwarzer Ledermantel die Idylle, eine donnernde Stimme brüllt: „Halt! Stehenbleiben!“ Das Klappern von Absätzen und Türen, das Quietschen von Autoreifen auf dem Kies vor dem Waisenhaus. Auf dem Sofa jubeln meine kleinen Jungen: „Maman, die sprechen ja Deutsch!“ Sie sind entzückt, dass ihre beiden Sprachen – das Französisch des kleinen Paul und das Deutsch der schwarzen Männer – sich im Film vermischen. Ich dagegen bin wie versteinert. Der Film spielt 1941. Ich hatte diese Episode und den historischen Kontext völlig vergessen. Zu spät, um den Fernseher auszuschalten. Die Gestapo-Männer betreten das Waisenhaus, sie sind auf der Suche nach jüdischen Kindern. Die Kleinen werden in einer Reihe vor der Treppe aufgestellt. Der Gestapo- Chef wählt aus, ohne zu zögern. Der Direktor des Instituts, der sich weigert, die jüdischen Kinder auszuliefern, wird zum Verhör mitgenommen. Auf dem Sofa hagelt es Fragen: „Maman, warum wollen die die Kinder mitnehmen? Maman, Maman, was sind Juden? Wie erkennt man die?“

Ich versuche, meine Worte dem Alter der Fragesteller anzupassen. Als die Kinder im Bett sind, denke ich über dieses Bild von Deutschland und Frankreich nach, das sich Generationen von französischen Kindern eingeprägt hat. Die Deutschen: brüllende Dämonen. Die Franzosen: 40 Millionen tapfere Helden, allesamt bereit, der Folter zu widerstehen und ihr Leben zu geben, um diese jüdischen Kinder zu retten. Von der erniedrigenden Kapitulation zu Kriegsbeginn, von der Kollaboration mit den Nazis, vom Vichy-Regime und von den Zehntausenden Juden, die die französischen Behörden an die Gestapo auslieferten, hörten wir erst im Gymnasium. Jacques Chirac war der erste Präsident, der – 1995! – die Mitverantwortung des französischen Staates für die Deportation der französischen Juden anerkannte. Der alte Mitterrand hatte noch jedes Jahr am 11. November einen Kranz am Grabe Pétains niedergelegt, dem Helden von Verdun. Die Prozesse gegen hohe Vichy-Funktionäre wie Bousquet und Papon fanden erst in den 80er und 90er Jahren statt.

Eine Epoche geht zu Ende. Die Zeugen dieser dramatischen Jahre werden sterben, und beim Sonntagsessen im Familienkreis wird es keine Erzählungen vom Krieg mehr geben. Der französische Großvater wird nicht mehr von der Landung der Alliierten in der Normandie berichten, die deutsche Großtante nicht mehr von der Bombardierung Dresdens. Und für uns Nachgeborene ist der Zweite Weltkrieg schon jetzt eine geschichtliche Insel, die langsam vom Festland abdriftet. Nur die Kleinen werden weiter mit gesundem Menschenverstand Fragen stellen, die familiäre Mythen durcheinander bringen und nationale Legenden zerreißen. Und uns kommt die Aufgabe zu, für diese Vergangenheitsfetzen, die die Kindern aufschnappen, wahre und einfache Worte der Erklärung zu finden. Einfach ist das nicht, wenn es eines verregneten Berliner Sonntags, 60 Jahre danach, auf einem Sofa plötzlich Fragen hagelt.

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