Auf den Punkt : Am Scheideweg

Malte Lehming über den Erfolg von "Pro Reli" und Berlins SPD

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

"Gott gewinnt den Vorwahlkampf", steht heute treffend in der "tageszeitung". Denn die Initiative "Pro Reli" hat mehr als 307.000 Stimmen gesammelt. Das sind, selbst wenn man 10 bis 15 Prozent Fehlerquote abrechnet, weit mehr, als seinerzeit für Tempelhof zustande kamen. Ein beeindruckender, ein stolzer Erfolg. Auch Kanzlerin Angela Merkel und Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier haben unterschrieben. Plötzlich sieht sich der rot-rote Berliner Senat einer ziemlich großen Koalition gegenüber.

Zwei Fragen stehen nun bis zum Beginn des Volksbegehrens im Vordergrund. Erstens: Wie stichhaltig ist das zentrale Argument der Ethikfans, ein solches Zwangsfach, verbindlich für alle Schüler, stärke Toleranz und Integration in einer multikulturellen Stadt? Zweitens: Driftet die Berliner SPD, vom Pro-Ethik-Schirmherrn Walter Momper, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, nicht behindert, in eine radikal antireligiöse Richtung ab, weil sie glaubt, einen Kreuzzug gegen religiöse Eiferer führen zu müssen?

Zweifelhafte Voraussetzungen

Zu Punkt eins. Der Multikulti-Grund für ein verbindliches Fach Ethik klingt zunächst einleuchtend. Er basiert jedoch auf zweifelhaften Voraussetzungen. Wer meint, nur vom Staat verordnete Werte führen zu einem gedeihlichen Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft, transportiert implizit ein sehr negatives Menschenbild: Verschiedenheit ist potenziell gefährlich, Rassismus und Neigung zur Gewalt sind gewissermaßen normal und natürlich, wenn Menschern aus unterschiedlichen Kulturkreisen aufeinander treffen.

Gläubige Menschen - ob Christen, Juden, Muslime, Buddhisten oder Hindus - machen eine ganz andere, gewissermaßen die gegenteilige Erfahrung. Es gibt Christen in Asien, Afrika, Amerika und Europa, darunter reiche, arme, behinderte, nichtbehinderte, kurzum: Verschiedenheit erleben religiöse Menschen nicht nur als normal, sondern als eine Quelle des Reichtums. In Israel bilden Juden aus Dutzenden von Nationen - von Russland über Europa bis Äthiopien - einen Staat. Man ist dort ebenso stolz auf die gesellschaftliche Vielfalt wie in den USA, dem religiösesten Land der westlichen Welt, wo das Zusammenleben der Kulturen und verschiedenen Religionen - ohne ein verbindliches Schulfach Ethik! - so gut funktioniert, dass Barack Hussein Obama heute im Oval Office sitzt.

Vulgäratheisten in der SPD

Zu Punkt 2. Seit der Etablierung der Linkspartei hat die Bundes-SPD leidvoll erfahren müssen, dass jeder Linksruck, den sie meinte, deshalb vollziehen zu müssen - etwa die Abkehr von der Agenda 2010 -, vom Wähler nicht goutiert wurde. Dann schon lieber das Original, heißt es. Berlins SPD wird nun von einer neuen Ideologie getrieben, dem kirchenfeindlichen Atheismus. "Stoppen wir die religiösen Eiferer und Fundamentalisten, jetzt - ehe es zu spät ist", steht auf einem Gastbeitrag auf "vorwärts.de", dem Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie. Er trägt die Überschrift "Stoppt den Gotteswahn! Nein zu 'Pro Reli'!" Den Pro-Reli-Initiatoren wird unterstellt, sie wollten den Schulkindern beibringen, "warum jede andere Religion schlecht ist, dass der Mensch als Adam und Eva erschaffen wurde und nicht vom Affen abstammt, dass außerehelicher Sex Sünde, Abtreibung Mord, Homosexualität ein Verbrechen ist und so weiter und so fort". Wie viele Pro-Ethiker teilen solche Ansichten? Das muss geklärt werden, will sich die SPD nicht von Vulgäratheisten vereinnahmen lassen.

Vielleicht geht er jetzt erst los, der spannenden Kulturkampf in der Hauptstadt Deutschlands, im Superwahljahr 2009.

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